Von Malte Dahrendorf

Wie heiß das Eisen ist, das zwei Autoren anpacken, zeigt die Tatsache, daß das eine – von Steiger – erst auf Umwegen seinen Verleger fand, nachdem es zuvor im Lektorat eines anderen Verlages zusammen mit dem Verfasser in einjähriger Arbeit bis zur Druckreife gebracht worden war. Der Verleger lehnte schließlich ab. Aktuelle Themen lassen sich meist in kommerzielle Erfolge ummünzen. Offenbar nicht jedoch das Thema Terrorismus, wenn es mit Ernst und möglichst differenziert behandelt und nicht bloß zu propagandistischen Zwecken ausgeschlachtet wird. Und wie soll man dabei literarisch nicht sein Gesicht verlieren? Irgendwelchen Gruppen tritt man damit immer auf die Füße. Gegen Terrorismus zu sein, genügt allein ja nicht, wenn man ihn zum Thema einer Erzählung macht. Man braucht Figuren mit Biographien. Man muß Erfahrungen beim Namen nennen, die Menschen auf diesen unheilvollen Weg gebracht haben, braucht Menschen in ihrer Menschlichkeit, muß weg vom Klischee. Aber wer ist interessiert an Differenzierungen? – Bereits 1977 erschien der erste Jugendroman zum Thema von –

Eva Marder: "Heute nacht", Hermann Schaffstein Verlag, Dortmund; 90 S., 8,80 DM.

Eva Marder schiebt zwei Ich-Erzähler vor, die sie abwechselnd zu Worte kommen läßt: Gerd, den Sohn des Ermordeten, und Martin, den Bruder des Mörders. Martin ist nicht nur Mitwisser des Mordes, sondern der Bruder scheint es darauf angelegt zu haben, den Jüngeren durch ständiges Provozieren in eine verzweifelte Ausweglosigkeit zu treiben. Perfide hält er ihn auf dem laufenden über alle seine Überlegungen und Pläne. Systematisch zerstört er in Martin das Vorbild, das er ihm einst war, projiziert seinen Konflikt total und bewußtlos in Martin, dem die Welt darüber zusammenbricht. Warum hat er es getan? Und dann noch ein allseits so beliebter Arzt...

Auch Gerd begreift nicht, was jemandem an dem guten Leben seines Vaters mißfallen haben könnte. Auch für ihn hat sich die Welt verändert. Aber ihm wird geholfen in der Gestalt des Ersatzvaters, der die Nachfolge in der Praxis des Vaters antritt. Man beobachtet Martin verdächtig häufig unten am Fluß. Gerd und Martin freunden sich an. Doch während Martin weiß, wer Gerd ist und warum er leidet, sieht Gerd den Freund von einem unklaren Geheimnis belastet. Als der Terroristenbruder Martin in einen neuen Mordplan einweiht, ist es um Martins Widerstand geschehen. Er versucht Selbstmord, wird aber gerettet.

Das noch vor der Schleyer-Ermordung geschriebene und veröffentlichte Buch reduziert das Terrorismusproblem auf eine private Figurenkonstellation. Das fortwährende Quälen des jüngeren Bruders gerät zum puren Sadismus. Er habe nur ein Exempel statuieren wollen und willkürlich irgend jemanden zum Opfer erkoren und den Bruder dazu. Martin wird – als offenbares Sprachrohr der Autorin – in seiner Dreizehnjährigkeit psychologisch unglaubwürdig. Er ist durchaus geeignet, dem etwa gleichaltrigen Leser eine moralische Position im Verhältnis zum Terrorismus zu vermitteln. Das Kind füllt die ihm zugedachte Figur des älteren Weisen nicht aus. So bleibt der Eindruck, daß eine an sich gute und heile Welt erst durch den Anschlag des Bruders zerstört wurde. Der Lösungsvorschlag: jeder fange bei sich selber an, führt aus politischen Zusammenhängen heraus.

Offenbar ging es der Verfasserin, die bisher mit Kindergeschichten bekanntgeworden ist, um die Ausmalung psychologischer Folgen von Terrormorden. Aber wider Willen hat sie dabei auch eine Ursachentheorie vermittelt: menschliche Bösartigkeit, kaltschnäuzige Menschenverachtung. Das ist mir zu wenig. Der Mörder gewinnt keinerlei Statur, ist bloß schäbiger Zyniker und Sadist. Und mit der Kunstfigur des Martin und der neurotisierenden Wirkung der Tat auf ihn wird das Problem vollends auf das Abstellgleis des Privat-Moralischen geschoben.