Von Brigitte Zander

Regensburg

Küchendünste umnebeln das neue Bildungsangebot der Regensburger Volkshochschule. Der Fahrer, der routinemäßig in der ärmlichen Engelsburger Gasse das Essen auf Rädern an die hilfsbedürftigen Bewohner austeilt, bringt in diesen Tagen ausnahmsweise den warmen Eintopf mit einer schriftlichen Einladung: Es wäre nett, wenn sich die Speisegemeinschaft, die seit Monaten oder Jahren aus dem gleichen Kochtopf lebt, auch einmal treffen würde, ganz zwanglos, zum Ratschen über alle Probleme. Um Näheres zu besprechen, würde in den nächsten Tagen jemand vorbeischauen.

Dieser "Jemand" prangt mit Photo und Namen gleich auf der Einladung, damit "die alten Leute nicht aus Angst vor Wildfremden ihre Türen verschlossen halten", sagt die offizielle Einladerin, Karin Kisselmann. Die junge Diplompädagogin leitet dieses in Bayern einzigartige Projekt, mit dem Senioren in die Volkshochschulen, in die kommunalen Erwachsenen-Bildungszirkel und schließlich auch an die Universität gelockt werden sollen. Der Antrittsbesuch ist nur die schüchterne Ouvertüre zu einem umfangreichen Programm, das Lernen im Alter attraktiver zu machen.

"Wir kämpfen gegen das Vorurteil, im Alter sei Lernen ohnedies sinnlos", charakterisiert Karin Kisselmann das Projekt "Mit Bildung aus der Isolation", das vom Bonner Bildungsministerium finanziert und vom Deutschen Zentrum für Altersfragen geleitet wird und auch in Marburg, Hannover, in Hamburger Altenheimen und in Mülheim an der Ruhr beginnt.

Ein Beispiel: Im Regensburger Altstadt-Sanierungsviertel werden seit Monaten betagte Bürger nach zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und in neue Wohnungen verpflanzt. "Dürfen die denn das?" fragen so manche Betroffene empört. An diesen Vorwurf knüpft das Programm "Mit Bildung aus der Isolation" an. Die greisen Sanierungsopfer finden sich in einem Erste-Hilfe-Kurs zusammen, um über das Recht von Mietern zu erfahren und über die ihnen zustehenden finanziellen Abfindungen. Wenn die aktuellen Umzugssorgen erledigt sind, wird sich die Gruppe vielleicht zu weiterem Unterricht zusammenfinden: über Rentenfragen, über das Zusammenleben mit Ausländern in der Nachbarschaft, über die gesetzlich garantierte Rechtsanwaltberatung, oder über medizinische Probleme. "Und von solchen hautnahen, täglichen Sorgen. geht der Wissensdurst dann vielleicht weiter: zur Staatsbürgerkunde, zu Psychologiekursen und Soziologievorlesungen", spekuliert Reiner Bernstein, der Bonner Strategieplaner des Projektes. "Wer sich aus Ärger über die knoblauchduftenden Türken in der Nachbarwohnung zu einer Problemdiskussionsgruppe zusammenfindet, bekommt später vielleicht auch Interesse daran, Türkei-Filme zu sehen, Länderkunde, Vorträge und Geographie zu hören."

Derzeit allerdings befindet sich die Bildungsbegeisterung der Rentner und Pensionäre noch ganz im Schulungsparterre. In Regensburg wurde zunächst einmal eine Mannschaft von Kontaktpersonen trainiert, die die potentiellen "Schüler" aussucht und ganz vorsichtig zusammenführt. Eine solche Kontaktperson, die unter der sinnigen Bezeichnung "Animateur" rangiert, ist die Hausfrau Anna Feigl, 38jährige Mutter von drei Kindern. Sie hatte das Gefühl, sich für die Gemeinschaft eigentlich zu wenig zu engagieren und beteiligte sich an dem Trainingsprogramm. Nun ist sie dabei, ganz bedächtig und mit Hilfe einer bekannten alten Dame, die im Sanierungsviertel wohnt, eine andere betroffene alte Frau kennenzulernen, die wiederum einen hilflosen Nachbarn hat, der ein einsames 80jähriges Pärchen kennt, usw. usw.

Anna Feigl arbeitet sich von einer Besuchsempfehlung zur anderen in das Vertrauen der altenLeute vor. Demnächst Wollen: sich ihre neuen Bekannten in dem gemütlichen Altstadtlokal "Grafenreuther" treffen. Und dann vielleicht einmal bei einem Bierabend der Caritas und später vielleicht bei einer Gedichtvorlesung in der Volkshochschule "und ganz in weiter Ferne dann finden wir uns vielleicht einmal an der Regensburger Universität zusammen." Von dieser Möglichkeit spricht Frau Feigl allerdings nur kurz, dann denkt sie wieder an das, was näher liegt, an die erste Sanierungshilfe für die alten Leute. Erst wenn der problematische Umzug geschafft ist, und alle wieder zufrieden in ihren Wohnungen sitzen, will sie ihrem Kreis klarmachen, daß man die Freizeit vielleicht noch interessanter gestalten kann als mit dem üblichen Oma-Opa-Busfahrten-Bastelangebot.