Kindesmißhandlungen stellen nicht nur für die Opfer, sondern auch für eine bestimmte Gruppe von Tätern schwere psychische Belastungen dar. Der jedesmal erneute "Beweis" der eigenen Unfähigkeit, aggressive Gefühle zu kontrollieren und Beziehungen aufzubauen, die von gegenseitiger Liebe und Sorge getragen werden, stürzt diese Eltern in heftige Selbstvorwürfe, liefert sie Verachtung und Abscheu vor sich selbst aus und führt dadurch zu immer neuen Haß- und Gewaltausbrüchen gegenüber dem Kind, das den offensichtlichen Anlaß für die Empfindung der eigenen Mangelhaftigkeit bietet.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, haben sich in den USA Selbsthilfegruppen mißhandelnder Eltern gebildet, die sich in Anlehnung an die Anonymen Alkoholiker "Anonyme Eltern" (Parents Anonymous, kurz PA) nennen. PA-Gruppen bestehen aus zwei bis zehn Eltern und einer fachlich geschulten Person, deren Aufgabe es ist, den der Gruppe Vorsitzenden Elternteil zu unterstützen, indem sie Äußerungen der Mitglieder interpretieren, den Entwicklungsprozeß der Gruppe und der einzelnen beobachten und fördern hilft sowie nötige fachliche Informationen bereitstellt.

Im Gespräch mit Eltern, die ähnliche Mißhandlungen begangen haben, lernen die PA einander zu vertrauen. Die Gruppe vermittelt die Erfahrung, daß alle Gefühle berechtigt sind, solange sie in konstruktiver Weise geäußert werden. "Greif zum Telephon statt zum Kind!" ist das erste Gebot der PA: Mitglieder sollen einander anrufen, wenn sie spüren, daß sie "explodieren" und dem Kind gegenüber rabiat werden könnten. Der gruppenleitende Elternteil ist außerdem verpflichtet, jedes Mitglied mindestens einmal in der Woche anzurufen, um Krisen rechtzeitig erkennen zu helfen. Ämter und Gerichte ermutigen ihre Klienten, das Hilfsangebot der PA wahrzunehmen, da sie den Nutzen dieser Selbsthilfegruppen hoch einschätzen – freilich nur bei jenen mißhandelnden Eltern, die erkennen, daß das Problem bei ihnen selbst liegt (und nicht bei ihren Kindern) und daß es sich nicht um sogenannte Ausrutscher bei "durchgreifenden" Erziehungsmaßnahmen handelt.

ES