Walter Scheel für Patenschaften unter Jugendlichen

Der Auftakt entsprach dem Gewicht des Problems: Der Bundespräsident eröffnete die Kampagne der Aktion Gemeinsinn "Ausländische Kinder – unsere Freunde". Und er nahm sich drei Stunden Zeit zur Unterhaltung mit ausländischen Jugendlichen und deutschen Experten der Ausländerarbeit, zu Ansprache und aufmerksamem Eingehen auf alles, was Dutzende ihm bei dieser Gelegenheit einmal dringend sagen wollten.

"Geh’n wir auf sie zu – Fremde oder Freunde – Es liegt an uns." Dieser Titel der Kampagne umschreibt, was die-Aktion Gemeinsinn sich vorgenommen hat.

Freunde – das Wort gehört zum Text einer Zukunftsmusik. Daß die Kinder unserer ausländischen Arbeitnehmer hier im allgemeinen nicht einmal höfliche Freundlichkeit erfahren, ist die Gegenwart. Ein diskriminierendes, feindseliges Klima ist für sie seit Jahr und Tag gegenwärtig, das Nicht-Verhältnis zwischen ihnen, ihren Eltern und unseren Kindern und uns hat die Luft, die sie atmen müssen, in der sie sich entwickeln sollen, mehr und mehr vergiftet.

Was sich inzwischen entwickelte, ließ die breite Öffentlichkeit ruhig schlafen – aus Desinteresse, aber wohl auch wegen mangelnder Information. Was los ist, liegt ja auch nicht für alle sichtbar da. Die Fremden leben überwiegend gut versteckt im Abseits. Wo die Quartiere am miesesten sind, sind sie mehr und mehr zusammengerückt worden, und von sich aus suchen sie, längst vor unserer Ungastlichkeit resignierend, den Kontakt nicht mehr.

Aufgezwungener Müßiggang

Mancher Deutsche hat erst in jüngster Zeit erfahren, daß allein eine Million ausländischer Kinder unter fünfzehn Jahren hier leben, viele davon in unserem Lande geboren, heimatlos im Lande ihrer Eltern, heimatlos hier, radebrechend in zwei Sprachen. Wiederholt werden muß: Zwei Drittel von ihnen erreicht nicht den Hauptschulabschluß. Deshalb – auch deshalb – bekommen die meisten keine Lehrstelle. Nach dem Stichtag, dem 31. Dezember 1976, ins Land Gekommene dürfen weder Ausbildungsplatz noch Arbeit erhalten. 50 000 kommen jährlich ins erwerbsfähige Alter. Im Jahre 1981 werden 225 000 junge Ausländer auf einen Arbeitsplatz warten. Jedes Jahr werden hier 110 000 geboren. Und in den Heimatländern warten 1,2 Millionen darauf, ihren Eltern nach Deutschland folgen zu können.