Von Fritz Pleitgen

Das Buch – vor zwei Jahren in Frankreich herausgekommen – erscheint aktuell und marktgerecht. In einer Zeit, da Afrikapolitik und Dissidentenprozesse westliche Urvorstellungen von der russischen Unberechenbarkeit wieder einmal bestätigen, verspricht es Orientierungshilfe. Der Titel läßt jene souveräne Sprache erwarten, die gerade jetzt gegenüber Moskau gefragt ist.

Alain Besançon: "Umgang mit Sowjetrussen"; Societaets-Verlag, Frankfurt 1978; 181 Seiten, 20,– DM.

Im Vorwort spricht der französische Soziologe Raymond Aron von der gewissen intellektuellen Freude des Autors beim Schreiben dieses Buches. Besançons aggressiver Ton verrät freilich eher eine gewisse intellektuelle Boshaftigkeit, die freudig auf Deklassierung aus ist. Die Argumentation ist zuweilen von einer solchen Kühnheit, daß sich der Leser fragen könnte: Soll hier eine besonders durchtriebene Satire auf die Sowjetologie geschrieben werden. Aber nein, es ist alles ernst gemeint, todernst sogar.

Ausgangspunkt der "Court traite de sovietologie à l’usage des autoritis civiles, militaires et religieuses" (so bei Hachette, Paris, erschienen) ist das gegenwärtige Ost-West-Verhältnis. Die Startplattform ist in wenigen Sätzen zusammengezimmert. Und siehe: sie ist stark, aber schief. Von hier aus zieht der Autor nun gegen das Monstrum Sowjetunion (obwohl ein undankbarer und bewegungsloser Gegenstand) wie Siegfried gegen Fafnir. Ein Vorbild den Politikern, die sich "in ihrer heiteren Zufriedenheit" von den lauten Stimmen sowjetischer Dissidenten nicht stören lassen möchten.

Alain Besançon hält sich nicht lange mit der Vorrede auf, sondern stößt sofort auf die Frage zu: "Ist die Entspannung nichts anderes als Heuchelei?" Die Antwort ergibt sich von selber, wenn die Sowjetunion bei allem, was sie bereits auf dem Kerbholz hat, auch noch hinter den Katastrophen von Südvietnam, dem Yom-Kippur-Krieg und dem Machtergreifungsversuch in Portugal steckt. Das Vertrauen des Lesers ist bereits gewonnen. Wer die Dinge so klar durchschaut, muß die Mechanismen der sowjetischen Außenpolitik überzeugend erklären können.

Mehr als Einmaleins-Kenntnisse sind – so scheint es – ohnehin nicht erforderlich, denn es gibt nur zwei Modelle sowjetischer Politik: den Kriegskommunismus und die Neue Ökonomische Politik (NEP). Besançon weist nach: Immer wenn der eine Typ zu scheitern droht, wird auf den anderen umgeschaltet, bis hin zur dritten Stufe.