Von Peter Fuhrmann

Barry Tuckwell gilt in der Zunft internationaler Hornvirtuosen als König. Der für gewöhnlich bei den englischen Gesellschaften EMI und Decca arbeitende Künstler wurde jetzt mit seinem erfolgreichen amerikanischen Schüler Robert Routch für ein ambitiöses Projekt der Deutschen Grammophon

Jan Dismas Zelenka: "Die Orchesterwerke"; Camerata Bern, Leitung: Alexander van Wijnkoop; DG 2723 059

abgeworben. Dem wahrhaft königlichen Musiker nahm man zwar das sympathisch-bescheidene Eingeständnis ab, daß ihm noch immer das Wagnis zu groß sei, sich den stupenden spielerischen Vertracktheiten und unübersehbaren Fallgruben, die im Orchesterwerk des Bach-Zeitgenossen Jan Dismas Zelenka überall lauern, in einem öffentlichen Konzert auszuliefern. Der im Studio mögliche Wiederholungsmechanismus aber räumt solche Bedenken aus.

Aber auch der Initiator des Projekts, der schweizerische Meisteroboist und Avantgardekomponist Heinz Holliger, weiß, wovon er spricht, wenn er Zelenka, der 1679 in Böhmen geboren wurde und von 1710 an mit kurzer Unterbrechung in Dresden (ebenso als Instrumentalist wie Komponist) wirkte, als kühnsten Klangexperimentator des 18. Jahrhunderts bezeichnet. Holliger ist davon überzeugt, daß keine andere Musik des Barock, auch nicht die von Johann Sebastian Bach, beispielsweise in der Ausschöpfung oder Ausweitung der spieltechnischen Möglichkeiten der Oboe eine auch nur annähernd vergleichbare Niveaustufe erreicht habe. Er weiß dies durch Fakten zu erhärten. Nicht nur die Vita jenes genialen Sonderlings, vielmehr alles Künstlerische erweist sich bei dem von Bach hochgeschätzten tschechischen Rivalen als rätselhaft, ja in merkwürdige Geheimnisse und Chiffren, deren Bedeutung wahrscheinlich er allein kannte, eingehüllt. Seine Werke gleichen Psychogrammen, die schon in die Zeit des Expressionismus vorausgreifen. Sie haben, wie Holliger glaubt, geradezu kabalistischen Charakter. Ihre Stilkriterien (und Satzbezeichnungen) scheinen absonderlich: chiffrierte Motive voller Zahlensymbolik (5 und 7, Fibonacci-Reihe, Goldener Schnitt), Auftaktlosigkeit und asymmetrische Rhythmik nach Art der zeitgemäßen slawischen Folklore, Ausweitung von Harmonik und Chromatik, beinahe spröde und offene Satzstrukturen, in denen bewußt die klangfüllenden Mittelstimmen ausgespart sind, überdies in vielen Sätzen ein ausgesprochen depressiver Stimmungsgehalt. Was viele Komponisten in jüngerer Zeit den Interpreten an haarsträubenden Fertigkeiten zumuten, versuchte schon damals Zelenka mit seiner progressiven Klangsprache. Auch er leistete es sich bereits, die Musiker psychisch wie physisch regelrecht aufzuladen, "unter Strom" zu setzen, wie Holliger sagte, um das angestammte spieltechnische Vermögen auszudehnen und damit ins klangliche Neuland vorstoßen zu können.

Freilich wünschte man sich beim Anhören der drei Zelenka-Platten über Tuckwell und Holliger hinaus auch die Streicher der Berner Camerata ein wenig mehr "unter Strom". Und für ganz Anspruchsvolle dürfte das Klangbild ein bißchen weniger trocken und nicht so dunkel grundiert sein. Gleichwohl ist diese Kassette eine Rarität, inhaltlich eben anders als die stumpfsinnige Repetition der schon zum Überdruß gewordenen barocken Dauerbeschallung aus schwarzen Kunststoffrillen.

Von der Popularität, wie sie Händel zu Lebzeiten und seine musikalische Hinterlassenschaft sie bis in unsere Tage hinein erlebte, konnte der in der Nähe seiner Geburtsstadt Halle angesiedelte Slawe Zelenka nur träumen. Möglicherweise hätte der Ruhm, den Händel mit den zahlreichen Aufführungen seiner Masque "Acis and Galatea", einem Schäferspiel, schon genügt, um ihm das Schicksal des In-Vergessenheit-Geratens zu ersparen.