Von Horst Bienek

Es gibt eine Kraft der Erinnerung, die das Erlebte, das Vergangene gegenwärtiger macht als es jemals gewesen war. Prousts Beschreibung der Weißdornbüsche in Illiers, der Kirchtürme von Martinsville oder der Mühle von Monjouvin, das wird man niemals vergessen. Wahrscheinlich muß man den Verlust tatsächlich spüren, darunter leiden, um ihn in der Beschwörung der Wörter vergessen zu machen. Ein wiedergefundener Ort.

Seit einiger Zeit erinnern sich deutsche Schriftsteller des verlorenen Ostens: "Der verlorene Osten" – wie das klingt? Die verlorene Heimat? Noch schlimmer. Und doch ist beides nicht austauschbar. Nehmen wir den Osten für eine bestimmte Landschaft, für ein bestimmtes Temperament, eine spezifische Erfahrung, für eine geschichtsträchtige Provinz, wie es etwa der Süden für die Vereinigten Staaten war und noch ist (denken wir an Williams, Purdy, Capote), dann verliert das sofort seine Anrüchigkeit. Und der Begriff Heimat sollte uns zu kostbar sein, als daß wir ihn Heino, Franz Antel und den Vertriebenenverbänden überlassen dürfen. Verlorene Heimat ist ja nichts, was wir erst auf den Spruchbändern zum Sudetendeutschen lesen konnten, das ist ein alter Topos und hat auch etwas mit verlorener Kindheit zu tun, und da wird es doch ziemlich literarisch. Hat Joseph Roth nicht gesagt: die verlorenen Provinzen sind die eigentlich literarischen Provinzen?

Läßt sich also sagen, wir haben eine neue Heimatliteratur?

Ja, eine neue, eine kritische Heimatliteratur, und wenn wir uns die Veröffentlichungen der letzten Jahre ansehen, so kann man fast schon von einer "Welle" sprechen. Analog etwa zu den kritischen Heimatfilmen Anfang der siebziger Jahre, die mit dem "Förster im Silberwald" nichts gemein hatten. Ebensowenig hat der "Butt", haben das "Heimatmuseum" oder Christa Wolfs "Kindheitsmuster" etwas mit dem "einfachen Leben" von Wiecherts "Jeromin-Kindern" zu tun. Nein, Jürnjakob Swehn, das ist nicht unser Heimweh. Das ist Vergewisserung des Gewesenen, Wiedergewinnen der verlorenen Zeit. Vielleicht setzt der Gewinn den Verlust erst voraus. "Ich begriff", sagt Proust, "daß Noah die Welt nie so gut sehen konnte wie von der Arche aus, obwohl sie verschlossen war und es Nacht war auf der Erde." Noch besser trifft Walter Benjamin das Bemühen dieser Autoren mit einem auf Proust gemünzten Satz: "Man weiß, daß Proust nicht ein Leben, wie es gewesen ist, in seinem Werk beschrieben hat, sondern ein Leben, so wie der, der’s erlebt hat, dieses Leben erinnert." Das ist präzise der Unterschied zwischen alter und neuer Heimatliteratur. Es ist nicht Beschreibung dessen was war, sondern zugleich kritische Reflektion darüber; also was war und ist. Man kann das auch eine Literatur der Region nennen. Und hat nicht schon Walter Jens vor zehn Jahren beredt nachgewiesen, daß die Erneuerung der Literatur von der Provinz ausgeht, von Pavese bis Böll, von Faulkner bis Johnson?

Die Filmwelle hat nicht lange gedauert. Die Schriftsteller sind da ernsthafter, hartnäckiger, gründlicher, es ist für sie auch, vergessen wir’s nicht, ein Stück Trauerarbeit. Ein Verlust ist anzuzeigen und zu erklären. Das ist ein langer Prozeß, nicht nur bei denen, die ihn erlitten haben, bei den Opfern, auch bei denen, die darüber schreiben, die schließlich Zeugenschaft abgeben. Grass war der erste, der mit der "Blechtrommel" dieses Thema unerschrocken, vielfältig und virtuos anging. Vielleicht mußten erst zwanzig, dreißig Jahre vergehen bis dahin. Dann kam Bobrowski. Und die vielen anderen.

Und Siegfried Lenz – wird man hier einwerfen, mit "So zärtlich war Suleyken" – war das nicht sogar schon vorher, 1955, da? "Suleyken" und "Geist der Mirabelle", man konnte es jetzt wieder lesen, das wird gelobt und hat Erfolg. Aber unsere hohen Kritiker, so scheint’s, haben das gar nicht gelesen. "Döntches" sind das, ganz hübsch, aber hat doch "affirmativ". Tante Jolesch aus Ostpreußen, und kein Weltuntergang, das durfte damals noch nicht sein. Man kann gegen den neuen Lenz einiges vorbringen, und die Kritik hat nicht gespart damit. Und wenn man bedenkt, daß sich die erste Riege der Kritiker vehement, wenn auch oft nicht ohne Bosheit auf den "Butt" gestürzt hat, keiner aber von ihnen sich das "Heimatmuseum" vorgenommen hat, und sei es nur zum Vergleich, dann wird das nur noch schlimmer. Hier ist nämlich ein ganz anderer Lenz, ein gewichtiger, ein politischer, ein engagierter und enragierter –