Von Uta Ranke-Heinemann

Theologische Studierstuben sind oft Küchen des Aberglaubens. Aufräumungsarbeiten sind darum ständig notwendig. Herbert Haag räumt auf beziehungsweise ab. Nicht nur der Teufelsglaube und makabre Vorstellungen von Besessenheit à la Klingenberg (siehe ZEIT Nr. 17 vom 21. 4. 1978), sondern auch so ehrwürdige Gemeinplätze wie Adams Paradieszustand und Sündenfall sowie die traditionelle Lehre von der Erbsünde werden ausrangiert:

Herbert Haag: "Vor dem Bösen ratlos?"; Piper Verlag, München 1978; 319 S., 34,– DM.

Die Sache, um die es geht, ist kompliziert genug. Die Geschichte der Menschen ist offensichtlich eine Widerlegung des Glaubens an einen guten Gott als den Herrn der Geschichte. Zu weit klafft die Summe des menschlichen Leidens und Leidenlassens und die Lehre von der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes auseinander, als daß man nicht versucht wäre, die Teufeleien und die Tränen der menschlichen Kreatur auch in den Untaten Gottes begründet zu sehen. Das Problem wurde immer komplizierter, je besser man von Gott dachte.

Im Alten Testament hatte man zunächst keine Bedenken, in Gott auch den Ursprung des Bösen zu sehen. Die allmähliche Entdeckung des Teufels führte zur fortschreitenden Entlastung Gottes. Ebenso zur Entlastung des Menschen, wie Bischof Graber von Regensburg – den Haag zitiert – anläßlich des Besessenheitsfalls in Klingenberg sagte: "Wenn es den Bösen nicht gibt ... dann ist der Mensch allein verantwortlich." Der Mensch will nicht allein verantwortlich sein, der Teufel wäscht ihn zu einem guten Teil rein. "Kann Gott den Menschen als ein solches Scheusal geschaffen haben? Nein, das kann er nicht", fährt Bischof Graber fort, "denn er ist Güte und Liebe. Wenn es keinen Teufel gibt, dann gibt es keinen Gott."

Mit diesem vorläufigen gedanklichen Höhepunkt der kirchlichen Lehre über den Teufel, nach dem Gott den Teufel zur Voraussetzung seiner selbst schaffen mußte, wird aber das Problem des ’Bösen nicht gelöst, sondern nur verschoben und verschroben. Der Prediger scheint "für einen Augenblick vergessen zu haben, daß nach kirchlicher Lehre auch der Teufel ein Geschöpf Gottes ist also hat Gott doch ein Scheusal geschaffen", bemerkt Haag richtig.

Was den Teufel als Entlastung Gottes betrifft, so zeigt Haag, wie im nachexilischen Judentum (also nach 538) Gott in größere Distanz rückt, sich vergeistigt und der Himmel sich nach dem Muster des persischen Hofstaates (die Juden standen von 538 bis 331 unter persischer Herrschaft) mit Zwischenwesen füllt, darunter auch Satan, eine Figur, die als Ankläger des Menschen vor Gott fungiert. Dieser Ankläger hat zwar mehr und mehr schon Züge der Bosheit, aber im Alten Testament steht Satan noch ganz in Gottes Diensten.