Ein vergessenes Volk hinter Bajonetten – aber der Kampf um Kurdistan geht weiter

Von Andreas Kohlschütter

Wir können von unserer Unabhängigkeit nur noch träumen", klagt ein alter Kurde im Dunkel des Basars von Arbil. Und er schlürft den heißen Süßtee so gierig in sich hinein, als sei es ein Trank, der betäubt und vergessen läßt. Sein Gesicht ist so verwittert, wie der von Hitze und Kälte zermürbte Bröckelfels draußen in der grandios-kahlen, zerklüfteten Gebirgslandschaft mit ihren plötzlichen Abbrüchen und Canyons. Und unter dem kunstvoll geschlungenen Turban blicken seine tieftraurigen Augen resigniert in die kurdische Leere.

Immer wollten sie frei sein, nie haben sie es richtig, geschafft. So war es schon zu Zeiten, als sich dieses indogermanische Bergvolk mit den mesopotamischen Flachlandimperien der Sumerer, Babylonier und Assyrer herumschlug. So ist es heute noch. Immer dienten die Kurden fremden Herren, wie Saladin, der 1187 Jerusalem für den Islam zurückeroberte und Richard Löwenherz mit seinen Kreuzfahrern zurückschlug. Immer gehörte Kurdisan anderen. Daraus änderte sich auch durch das Auseinanderbrechen des Ottomanischen Reiches nichts. Was die 12 bis 14 Millionen Kurden heute ihre Heimat nennen, verteilt sich auf die fünf Staaten Türkei, Irak, Iran, Syrien und Sowjetunion.

In letzter Zeit mehrten sich die Berichte über ein erneutes Aufflammen von Unruhen im nordirakischen Kurdistan. Aufständische Kurden, so hieß es, hätten Kommando-Raids bis in die Umgebung von Mussul durchgeführt, irakische Armeeposten angegriffen und Terrorakte verübt. Aus der an Syrien, Iran und den Irak anstoßenden türkischen Provinz Hakkari wurden blutige Kämpfe zwischen den zerstrittenen Flügeln der kurdischen Unabhängigkeitsbewegung gemeldet. Mit Unbehagen registrierte die Bagdader Führung insbesondere die zunehmende Aggressivität der von Syrien aus agierenden, revolutionären und sowjetfreundlichen "Partei der Nationalen Einheit Kurdistans".

Im März 1975 war die von Iran aus geschürte letzte große Kurdenrevolte unter dem legendären Rebellenführer Mullah Mustapha Barsani nach dem überraschenden Abschluß eines Grenz- und Koexistenzabkommens zwischen Bagdad und Teheran zusammengebrochen. Die damals: "ein für allemal" gelöste Kurdenfrage werde gerade jetzt künstlich und böswillig wieder hochgespielt, so der irakische Vizepräsident Saddam Hussein, "um der irakischen Revolution zu schaden", um zu beweisen, daß auch das Baath-Regime "unstabil und ineffizient" sei und "keine entwickelte Ideologie" besitze. Denn für die Arabische Sozialistische Baath-Partei und das irakische Baath-Regime ist die Kurdenfrage auch ein Prüfstein des ehrgeizigen Anspruchs, den einzigen Weg zu kennen und die einzig richtige Lehre zu besitzen, um alle arabischen Länder vom Golf bis zum Atlantik zu vereinen und zu befreien.

Indessen bestreitet Saddam Hussein nicht, daß es "temporäre Probleme im Norden" gibt. Im schwer zugänglichen, gebirgigen Kurdistan habe man noch nicht alle "sozialen, psychologischen, ideologischen und politischen Spuren" des seit 1961 wirkenden bewaffneten Widerstandes ausmerzen können. Dabei unterscheidet Saddam Hussein zwischen "offensiven militärischen Aktionen", für die er "wohlbekannte Kreise" (Syrien) verantwortlich macht, die aber "in Kürze beendet sein werden" und den lokalen Kommandoüberfällen "einer Handvoll kleiner Gruppen", die über die Grenze infiltrieren, zuschlagen, "unbewaffnete Bürger angreifen, einen Polizisten außer Dienst erschießen" und sich dann wieder nach dem Iran oder in die Türkei absetzen: "Damit können wir leben. Das nehmen wir als fait accompli für die nächsten zwanzig Jahre hin."