Von Lutz Lesle

Man kann sich offiziell als Berichterstatter entsenden lassen. Dann ist das Visum in wenigen Tagen da. Man besteigt ein Flugzeug, bezieht ein standesgemäßes Hotelzimmer, absolviert die einleitende Pressekonferenz, entwirft sich einen Konzertbesuchsplan, speist mit Kollegen zu Mittag und zu Abend, registriert das Branchengeflüster, füllt den Notizblock, fliegt wieder nach Hause und schreibt einen fachkundigen Kulturbericht.

Man kann auch ein Touristenvisum beantragen. Dann wartet man womöglich am geplanten Abreisetag immer noch auf den Stempel im Reisepaß, der freie Fahrt im ganzen Land gewährt, und muß seinen Urlaub verschieben. Bleiben trotzdem noch ein paar Tage bis zum Beginn der Berichterstatterpflichten übrig, so kann man – so man hat – im Campingbus auf leidlich guten Straßen durch die Wojwodschaften reisen, von Stettin aus in weitem Bogen über baumgesäumte Landstraßen zuckeln, bei Marienwerder mit der alten Drahtseilfähre über die Weichsel gleiten, im Zentrum Warschaus bequem auf dem Campingplatz Quartier beziehen, von dort aus den "Warschauer Herbst" besuchen und hernach an Masurens Seen über die Eindrücke meditieren, die man in fünfundzwanzig Konzerten an sieben Tagen in Polens Hauptstaat empfangen konnte.

Der "Warschauer Herbst", seit zweiundzwanzig Jahren der Musik des 20. Jahrhunderts gewidmet, ist auf der musikalischen Weltbühne gewiß ein Ereignis ohne Vergleich. Man stelle sich vor, in Hamburg (Berlin, München) würden eine Woche lang täglich drei Konzerte ausschließlich neuerer und neuester Musik gelten, alle Säle von Musikhalle, Musikhochschule und ein, zwei zentral gelegene Kirchen wären nachmittags, abends und in der Nacht jedesmal ausverkauft, jeden Vormittag fände außerdem im Presseclub eine Sitzung von zehn bis dreizehn Uhr statt, in der die Ereignisse des Vortags mit Komponisten und Interpreten in drei Sprachen verhandelt würden – die erstaunliche Einmaligkeit des "Warschauer Herbstes" wird offenbar.

Wirklich so erstaunlich? Vielleicht kommt man der Deutung des Phänomens "Warschauer Herbst näher, betrachtet man die künstlerische Betriebsamkeit der Polen nicht nur aus der Foyer-Perspektive. Das Festival der Neuen Musik sieht sich anders an, wenn man zuvor und hernach die spontane Gastfreundschaft von Landarbeitern, Museumswärtern, Geistlichen und Künstlern genießt. Warum?

Polen ist ein Land, dem es dreiundreißig Jahre nach dem letzten Krieg (der den Polen nicht nur eine blutige Besatzungszeit bescherte, sondern auch, was man sich hierzulande häufig gar nicht klarmacht, eine Vertreibung aus den östlichen Provinzen) immer noch nicht gutgeht. Wer in diesem regnerischen Herbst übers Land fuhr, sah die Menschen überall mit bloßen Händen Kartoffeln aus der feuchten Erde wühlen, gewahrte lange Schlangen vor Schlachterläden, in denen nicht eine einzige Wurst am Haken hängt. Und dies, obwohl das Land Erntegerät und Schlachtvieh zur Genüge produziert: für den Export notgedrungen.

Wer nun meint, derlei könnte einen "richtigen" Polen dazu bewegen, sich endgültig gen Westen aufzumachen, der irrt. Fast will es scheinen, daß er sich um so fester in einen nationalen Überlebenswillen verbeißt, je widriger die äußeren Lebensbedingungen sich gestalten.