Von Klaus-Peter Schmid

Paris, im Oktober

Politik in Frankreich, das wird oft übersehen, ist weniger die Kunst des Möglichen als die Kunst zu gefallen. Mit rationalen Kriterien ist ihr nicht beizukommen. Strategien, Programme und heilige Schwüre sind oft schnell vergessen, wenn sie Ambitionen im Wege stehen. Der Befriedigung dieser Ambitionen dienen die möglichst spektakulären Auftritte der politischen Akteure, die sich schnell dem Publikumsgeschmack anzupassen verstehen. Weniger das Stück, das gespielt wird, ist interessant, als die Brillanz der Selbstdarstellung. Einer der ehrgeizigsten und begabtesten Vertreter dieses Faches heißt zweifellos Jacques Chirac.

Was der Gaullistenführer sucht, ist Beifall. Er beherrscht jede Pose, jeden Trick, um Eindruck zu machen. Er will die Szene beherrschen, auf der er agiert. Nebenrollen liegen ihm genausowenig wie Rivalen. Und wenn ihm sein Publikum untreu zu werden droht, stellt er sich geschwind um. Denn wer einmal von der Bühne verschwindet, ist nicht mehr gefragt.

Genau das ist Chiracs Problem: Er glaubt, ständig von sich reden machen zu müssen, um nur ja nicht aus dem Geschäft zu kommen. In den letzten Wochen aber scheint es, hat er davon des Guten zuviel getan. Immer deutlicher wird er jedenfalls von seinen eigenen Parteifreunden in die Schranken verwiesen.

Seit Chirac vor zwei Jahren mit Eklat das Amt des Regierungschefs niederlegte, ist seine Rivalität zu Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing offenkundig. Nicht nur gegen die Linke, sondern auch gegen Giscard sammelte er die verstörten Gaullisten hinter sich. Er eroberte das Rathaus von Paris und machte daraus eine Bastion für den Kleinkrieg gegen die Regierung. Aus Geplänkeln wurden unübersehbare Angriffe, nachdem Giscard als Gewinner aus den Parlamentswahlen im März hervorgegangen war. Ende September winkte der aggressive, Chirac dann mit der offenen Feldschlacht: Er drohte, der Regierung die Unterstützung zu versagen und sie darüber stürzen zu lassen.

Doch Chirac hatte die Verfügbarkeit seiner Truppen überschätzt. Die gaullistischen Minister folgen ihm schon seit geraumer Zeit nicht mehr, wenn er seine regierungsfeindlichen Tiraden losläßt. Es gefällt ihnen gar nicht, daß ihr Parteichef immer wieder betont, sie säßen zu ihrem Privatvergnügen auf der Regierungsbank, keineswegs aber als Vertreter des Gaullismus. Als Chirac dann auch noch seine Minister aus den Führungsgremien der Gaullistenbewegung ausschloß, war das Maß voll. Selbst die gaullistischen Abgeordneten wurden des undurchsichtigen Doppelspiels leid und zwangen Chirac zu einer vielbeachteten Kehrtwendung: Er mußte jetzt einen halbjährigen "Waffenstillstand" verkünden.