Von Axel Kuhn

Psychoanalyse und Geschichtsschreibung haben vieles miteinander gemeinsam. Beide beschäftigen sich mit den Motiven menschlicher Handlungen, wobei ihr Interesse mehr den Konflikten und deren Lösung als dem normalen Leben gilt. Beide müssen sich noch heute oft mit dem Vorwurf auseinandersetzen, den einzelnen Menschen zu sehr in den Vordergrund ihrer Überlegungen gestellt und ihn damit aus seiner sozialen Umwelt, aus den gesellschaftlichen Bedingungen gelöst zu haben. Und in beiden Wissenschaften gibt es Versuche, von der Individualzur Massenpsychologie, von der Personal- zur Sozialgeschichte zu gelangen, um diesen Vorwurf zu entkräften. Was liegt also näher, als daß sich Psychoanalyse und Geschichtsschreibung miteinander verbinden, zu einer Disziplin mit dem Namen Psychohistorie?

Größen und Grenzen der Psychohistorie werden in dem Buch von

Rudolph Binion: ".. daß ihr mich gefunden habt’, Hitler und die Deutschen: eine Psychohistorie", Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1978, 278 S., 28,– DM

deutlich. Es bestätigt auf eindrucksvolle Weise, daß die Psychoanalyse dem Verständnis historischer Personen neue Dimensionen erschließen, ja daß keine moderne Biographie mehr geschrieben werden kann, ohne psychoanalytische Methoden und Theorien zu berücksichtigen.

Aber Binion, Professor für moderne Geschichte an der Brandeis University, will mehr. Er bemüht sich nicht nur um die Einzelperson Hitler, sondem er sucht dessen Erfolg bei "den" Deutschen zu erklären. Doch in der Übertragung von Traumata Hitlers auf solche des deutschen Volkes zeigen sich auch die Grenzen der Psychohistorie. Denn neben den Gemeinsamkeiten von Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft: gibt es zwischen beiden Gegensätze, die durch eine bloße Kombination von Methoden nicht aufgehoben sind; Soll man wirklich mit einem Erklärungsmodell arbeiten, das aus einem ganzen Bündel von Ursachen des Zweiten Weltkrieges die Familienbeziehungen und Kriegserlebnisse des jungen Hitler als entscheidende herausgreift? Sicherlich werden Generationen konventionell arbeitender Historiker den Kopf schütteln, wenn sie bei Binion lesen: "In der Psychohistorie ist es, wie auch, anderswo, kein Zeichen von Klugheit, die Ursachen zu vervielfachen."

Widerspricht es nicht dem Entwicklungsgedanken der historischen Methode, Menschen, ja ein ganzes Volk, so frühzeitig festzulegen? Und während der Psychoanalytiker seine Patienten nach den für die Therapie wichtigen Fakten befragen kann, muß der Psychohistoriker mit den überlieferten, fast immer lückenhaften und fragwürdigen Quellen arbeiten – was die Präzision seiner. Ergebnisse nicht gerade, erhöht. Außerdem, liest der Psychohistoriker die Quellen gleichsam gegen den Strich, um die unbewußten, verdrängten Handlungsmotive offenzulegen. Was aber soll der mit allen Wassern philologischer Interpretation gewaschene Historiker noch tun, wenn Binion auf den Einwand, Hitlers Kriegsprogramm sei doch gar nicht in das Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit eingegangen, antwortet: Ganz recht, es ging tiefer ein?