Von Heinz Blüthmann

Als Betriebsrat Wilhelm Bremke am vergangenen Freitag zusammen mit Kollegen mittags das Tor 1 der Spinnerei und Weberei Ludwig Povel & Co. in Nordhorn passiert, ist fast alles so wie sonst, wenn Deutsche zur Arbeit gehen: ruhig und friedlich.

Fast: Denn eine Handvoll Jugendlicher, Mitglieder der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), mit Plakaten vorm Bauch („Für unsere Zukunft – Für unsere Stadt! Povel muß leben!“) ist bemüht, das DKP-Flugblatt Die rote Spindel an die Povel-Männer zu bringen. Doch trotz der kernigen Sprüche („Ab heute ist die Kacke am Dampfen“) wirken die Demonstranten (Bremke: „Davon ist keiner bei uns beschäftigt“) so wenig aufregend wie eine Picknick-Gesellschaft. Liegt’s am strahlend blauen Himmel, am eigenen oder fremden Desinteresse? Einige der Sozialrevoluzzer haben es sich am Bordstein vor dem Povel-Fabriktor bequem gemacht – sie sonnen sich.

Auch auf dem Weg zu seinem Büro in der „Ausrüstungsstraße“, vorbei an Maschinenhallen, denen man die über hundertjährige Geschichte des Textilunternehmens anzusehen glaubt, hört Betriebsrat Bremke von den Mitarbeitern keine bewegten Klagen, sieht keine verzweifelten Gesichter. Nur ein paar flotte Sprüche fliegen hin und her: „Bleibt’s denn nun beim Vergleich, oder müssen wir in den Konkurs?“ Und: „Paß auf, daß die jetzt nicht unsere Aufträge verschieben!“

Daß die Gemüter der gut 1000 Mitarbeiter zählenden Povel-Belegschaft so kühl – oder abgestumpft? – sind, ist alles andere als selbstverständlich. Denn: Erst in den drei Tagen zuvor waren bei den Landesregierungen in Hannover und Düsseldorf die Würfel gefallen, war das „Aus“ für Povel, die einzige niedersächsische Tochterfirma des schwer angeschlagenen westfälischen Textilkonzerns Delden, beschlossen worden, Die rote Spindel der DKP in Nordhorn kommentierte so falsch nicht: „Povel soll das Schlachtopfer für die Delden-Gruppe bilden.“

Die Politiker, in deren Händen das Schicksal des größten deutschen Textil-Imperiums mit 4000 Beschäftigten lag, bedienten sich allerdings einer vornehmeren Diktion – ohne freilich anderes zu meinen. Sie sprachen von „Abkoppelung“ des Nordhorner Delden-Betriebs Povel vom Konzern, dessen Obergesellschaft Gerrit van Delden & Co. im westfälischen Gronau residiert. Diese Abkopplung des einzigen und besonders verlustreichen Inlandsbetriebs außerhalb Nordrhein-Westfalens sei eine entscheidende Voraussetzung für die Erhaltung der übrigen Unternehmensteile, befand der Haushalts- und Finanzausschuß des Düsseldorfer Landtags nach neunstündiger Nachtsitzung am vergangenen Donnerstag.

Und weil damit keine der vom nordrheinwestfälischen Ausschuß frisch verbürgten vierzig Millionen Mark zum niedersächsischen Povel-Werk fließen darf, ist der Nordhorner Betrieb nun zum Sterben verurteilt. Daß bei dieser Entscheidung nicht nur Landesegoismus, sondern Einsicht in die Schwachpunkte und Verlustquellen des um Staatshilfe nachsuchenden Delden-Konzerns Pate standen, hatte zwei Tage zuvor schon die Wirtschaftsministerin Niedersachsens, Birgit Breuel, indirekt zugegeben. Die Tochter des Hamburger Bankiers Alwin Münchmeyer hatte nämlich den Plan des Delden-Managements, Povel aus dem zu sanierenden Unternehmenskonzern auszuklammern, so kommentiert: „Es kann nicht sein, daß wir in Niedersachsen allein auf den Miesen hängenbleiben.“