ARD, Mittwoch, 25. Oktober, 20.15 Uhr: "Grüß Gott, ich komm’ von drüben", Film von Wolf gang Menge (Buch) und Tom Toelle (Regie)

Eher geht das Kamel durchs Nadelöhr!" prophezeite ein Kölner Arbeiter auf die Frage eines WDR-Mitarbeiters, was er denn davon halte, wenn sein Betrieb von heute auf morgen von einem kapitalistischen in einen volkseigenen, nach DDR-Muster, umorganisiert würde. Die Arbeiter eines süddeutschen Unternehmens in der Schuhbranche dagegen werden erst gar nicht gefragt: sie sehen an sich und ihrem Betrieb die biblische Metapher erprobt; denn als Mitarbeiter der mittelständischen Luxor-Werke in einer Kleinstadt mit Namen Furlach unterstehen sie einer neuen Betriebsleitung, die aus Ostberlin angereist ist, und einem neuen Besitzer, der DDR. Die hat es von einer Bürgerin des Staates übernommen, der die Schuhfabrik durch Erbschaft ganz legal zugefallen ist.

In einer Phase west-östlicher ökonomischer Koexistenz und Kooperation wäre eine solche Transaktion keine Unmöglichkeit. Aber die Geschichte von der Schuhfabrik auf kapitalistischem Boden, die in östliche Regie übergeht, ist ein Stück Fiktion, ein deutschlandpolitisches Denkspiel. Und da, mit aller Vorsicht sei es gesagt, auf Denkspiele dieser Art der Radikalenerlaß noch keine Anwendung zu finden scheint, hat Wolfgang Menge diese "denkbare, aber unmögliche Geschichte" (Untertitel) einmal realistisch durchgespielt in seinem Fernsehspiel "Grüß Gott, ich komm’ von drüben".

Realistisch durchgespielt, das meint: Menge hat, was bei diesem Stoff leicht nahegelegen hätte, die Story nicht zum Polit-Kabarett verkommen lassen. Er hat sich vielmehr das "Unmögliche" vorgestellt, es in einer Spielsituation entwickelt, wobei die Akteure, eine Fünfergruppe aus DDR-Spezialisten und die westdeutschen Arbeiter, nicht als ideologische Popanze der einen oder anderen Seite kostümiert sind, wenn da auch zwei ganz schneidige Funktionärspen auftreten, wie verfeindete eineiige Zwillinge; der eine ein Polit-Technokrat aus der Schule der SED, der seine Sprüche im Leitartikeljargon des Neuen Deutschland klopft; der andere ein westdeutscher Gewerkschaftssekretär, der nicht weniger forsch und kaltschnäuzig auf die Versuche des neuen Betriebsleiters reagiert, die Arbeitsbedingungen zu verbessern, "so daß irgendwann die Arbeit ihre Last verliert, ihren Zwang".

Dieser Betriebsleiter, Biddecke heißt er, ist nun das Gegenteil eines Apparatschiks. Zunächst einmal ist er ein Fachmann, der das Schuhmacherhandwerk von der Pike auf gelernt hat; dann ist er Altkommunist und KZ-Häftling, immer schon links und proletarisch bis auf die Knochen. Biddecke sieht seine Mission darin, mitten im kapitalistischen-Meer der Bundesrepublik eine Insel mit Namen Sozialismus zu errichten. Als erstes reduziert er ziemlich drastisch das Sortiment der Saisonmodelle von 87 auf 10 ("Eine Gesellschaft", verkündet er frohgemut, "sollte nur so viel produzieren, wie sie benötigt"), was sich zwangsläufig als marktwirtschaftliche Katastrophe erweist; dann organisiert er Teile der Belegschaft in Brigaden und verbessert die sozialen Einrichtungen im Betrieb: Kindergarten, Kantine, ärztliche Fürsorge. Doch er hat die Rechnung ohne die Wirte hüben wie drüben gemacht, gerät zwischen alle Fronten.

Autor Menge und Biddecke-Darsteller Hans-Christian Blech haben in die Hauptfigur eine Menge Sympathie investiert. Biddecke, das ist, in der Perspektive des realen Sozialismus,, ein weltfremder Träumer, ein Phantast, der mit seiner Vorstellung vom volkseigenen Betrieb, den er ganz wörtlich versteht, nur bewirkt, daß die DDR das Unternehmen wieder verkauft. Auf ein westliches Gemüt wirkt dieser Biddecke fast schon wie ein museumsreifes Exemplar von einem Bilderbuch-Kommunisten, wenn man ihn am vorherrschenden Funktionärstyp mißt – hüben wie drüben.

"Grüß Gott, ich komm’ von drüben" (Regie Tom Toelle) besitzt die Qualität eines intelligenten Traktats über die Unvereinbarkeit der beiden Gesellschaftssysteme. Menge selber hat sein utopisches Denkspiel als "Märchen" charakterisiert. Es gibt eben offenbar Märchen, in denen das Kamel den Gang durchs Nadelöhr selbst im Traum nicht schafft. Hans Vetter