Von Jes Rau

Der Produktionsleiter von "VW of America", Richard Cummins, sitzt auf dem Bettrand und führt ein Telephongespräch – ein hoch vertrauliches Telephongespräch, so scheint es. Denn als der aus New York herbeigereiste Besucher an die offenstehende Zimmerfür im "Holiday-Inn"-Hotel anklopft und zögernd hineintritt, stürzt der sonst so freundliche Pressesprecher Chet Bahn auf den Eindringling zu – und schubst ihn zurück aus der Tür, Für konventionelle Formen des Abwimmeins neugieriger Pressevertreter reicht an diesem Nachmittag die Nervenkraft offensichtlich nicht aus.

Bis zum Ende voriger Woche herrschte schließlich Streik bei VW of America. Inzwischen laufen die Fließbänder wieder, der wilde Streik ist zunächst beendet, die Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag wurden wieder aufgenommen. Vorher aber hatten die Streikposten niemanden, in die Fabrik gelassen, auch die leitenden Angestellten nicht. So kam es, daß Cummins und seine Mitarbeiter ihre Büros in der Fabrik tauschen mußten gegen die mit Doppelbett, TV und WC ausgestatteten Plüsch-Schlafzimmer des nächstbesten Hotels in New Stanton.

Vom Ortskern New Stantons – einer Anhäufung neonbeleuchteter Schnellgaststätten, Tankstellen undMotels, denen der Autobahnverkehr von und nach Pittsburgh vorbeidonnert – sind es bis zur Fabrik knapp drei Meilen. Die häßlich zersiedelte Gegend im Einzugsbereich Pittsburghs bekommt hier fast ländlichen Charakter. Um so überraschender der Anblick des weiß-gekalkten Gebäudekomplexes, der sich da auftürmt. Man hat diese Fabrik im wahrsten Sinne des Wortes auf die grüne Wiese" gebaut. Vom "VW-drive" aus – dem vom Staate Pennsylvania eigens gebauten Autobahnzubringer – ähnelt die hellbeleuchtete Anlage in der frühen Dämmerung des Oktoberabends einem Ufo-Landeplatz.

Eine Woche lang waren die beiden Tore des Werkes bis in den Abend von Streikposten versperrt. Die Szenerie dieser Tage: Etwa sechzig Leute stehen in Grüppchen zusammen und suchen Passanten und sich selbst durch das rhythmische Ausrufen von Slogans von der Gerechtigkeit ihrer Sache zu überzeugen. "No money, no bunny", rufen die heiseren Stimmen: "Wenn’s nicht mehr Geld gibt, läuft kein ‚Kaninchen‘ (Golf) vom Band..." Daß sich der Streik nicht nur gegen das Unternehmen VW, sondern auch gegen die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) richtet, zeigen Schilder mit der Aufschrift: "Verraten und verkauft durch die Gewerkschaft." sten der Altersgruppe zwischen 20 und 35 Jahren an. Der geringe Altersunterschied schafft Solidarität – wenngleich leicht zu spüren ist, daß die Einigkeit ihre Grenzen hat. Die Unterschiede in der sozialen Herkunft, Ausbildung und Lebensstil fallen sofort ins Auge oder zeigen sich im Gespräch. Ungewöhnlich groß ist die Gruppe von Leuten, die zu VW gekommen sind in der Hoffnung, sich vom einfachen Autoarbeiter zu einer Karriereposition in einem expandierenden Autokonzern hochzuarbeiten. Einige dieser VW-Arbeiter besitzen sogar eine abgeschlossene Universitätsausbildung – die dann aber in der Sackgasse der Arbeitslosigkeit oder eines unbefriedigenden Jobs einmündete. Andere haben besser bezahlte Jobs aufgegeben, um bei VW ihr Glück zu suchen. Zu ihnen zählt Alfred P. Tofani aus dem benachbarten Scottsdale, der die Überwachung der Fabriktore mit der Eleganz und Würde eines Luxushotel-Direktors lenkt.

Tofani verdiente jährlich bis zu 30 000 Dollar als Friseur, bevor er sich von VW anstellen ließ – für gegenwärtig 5,50 Dollar die, Stunde. Er unterstützt den Streik uneingeschränkt, weil für ihn die Arbeiter nun "genügend Vorleistungen erbracht haben, um die Fabrik zum Laufen zu bringen". Die von VW angebotene Tariferhöhung sieht er als "ungerecht" an. "Davon kann meine Familie nicht leben", sagt er. (Weshalb er nach Dienstschluß weiter frisiert.) Gleichzeitig betont der in taillierter Lederjacke modisch gekleidete Mitt-Dreißiger die guten Seiten seines Jobs ("Ehrlich, es macht mir Spaß") und weist immer wieder auf seine positive Einstellung zum Unternehmen VW hin. ("Die Deutschen verstehen ihr Handwerk.")

Kritischer ist James de Bernardi, ein ehemaliger Bergarbeiter, der bitter darüber enttäuscht ist, daß die von VW versprochene menschliche Behandlung sich als "Propaganda" erwiesen habe. Die Vorarbeiter seien auf hartes Durchgreifen gedrillt, und da die meisten von ihnen keine Erfahrungen im Autobau hätten und deshalb unter Bewährungszwang stünden, sei von ihnen keine Rücksicht zu erwarten.