Wer widerruft, wird geköpft, wer nicht widerruft, wird verbrannt." Diese Verordnung eines bayerischen Landesherren aus der Zeit um 1530 bringt die Tatsache auf eine lapidare Formel, wie Ketzer in Deutschland von Karl dem Großen bis weit in die Neuzeit hinein behandelt wurden. So ging es über ein Jahrtausend lang: Wer die Kirche – und damit auch die politisch-gesellschaftliche – Ordnung und Einheit in Frage stellte, hatte mit Verbannung oder schlimmsten Leibesstrafen zu rechnen (Tilman Riemenschneider wurden wegen seines Sympathisierens mit aufständischen Bauern 1525 beide Hände gebrochen, damit er nicht mehr künstlerisch tätig sein konnte), mit Güterkonfiskation oder Beschlagnahme eventueller Erbschaften, mit Verlust der Bürgerrechte oder dem Einbrennen eines Kreuzes auf der Stirn und schließlich mit allen erdenklichen Formen der Beförderung vom Leben zum Tode. 1252 wurde die Folter kirchenrechtlich legitimiert, und als – wie zur Zeit der Hexenverfolgungen – die traditionellen Hinrichtungsstätten nicht mehr ausreichten, dachte sich bischöfliche Phantasie (1651 in Bamberg) sogar Verbrennungsöfen für Massenverbrennungen aus.

Es gibt keine nationalsozialistische oder stalinistische Barbarei, die in der Geschichte der Kirche nicht vorabgebildet wäre. Das ist das. Ergebnis von

Horst Herrmann: "Ketzer in Deutschland", Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1978, 338 S., 34,00 DM,

eines Buches, das sozialpsychologische Theoriebildung und theologische Systematik zwar stark vernachlässigt, im Nachzeichnen der deutschen Ketzergeschichte jedoch so viele wichtige Einzelerkenntnisse zutage fördert, daß der Leser sich seine Theorie unschwer selber bilden kann.

Überdies – und das macht das Buch sympathisch – kommt hier ein Maß an kirchenpolitischer Zivilcourage zum Vorschein (der Autor lehrt katholische Theologie an der Universität Münster), das einem den Atem verschlägt. Herrmann führt das alte Dogma, daß die unfehlbare Kirche sich nicht in Sünde verstricken könne, Seite für Seite ad absurdum. Statt dessen zeichnet er das Gegenbild einer erbärmlichen, erbarmungsbedürftigen Institution, wie Reinhold Schneider sie meinte, als er vom "hoffnungslosen Fall Kirche" sprach.

Kirche – eine erbärmlich-erbarmungsbedürftige Institution, das erweist sich für Herrmann zuerst daran, daß man auch in ihren Reihen nicht ohne "Sündenböcke" auskomme. Sozialpsychologisch ist der Ketzer nämlich nichts anderes als ein Sündenbock, eine Projektionsfigur für die neurotischen Ängste der Orthodoxen. Herrmann bezeichnet die Orthodoxie als "heilige Krankheit in der der lebendige Glaube zu einem starren Prinzip, zu einer Sache "der Formulierer, der Präzisierer und Querulanten" verkommt. Dies Krankheit schaffe "die Angst im eigenen Herzen, die Furcht vor der eigenen Abweichung", die dann ihrerseits den Ketzer notwendig macht – zum Zweck der Selbstbestätigung, der Wiedergewinnung der eigenen Sicherheit.

Kirche – eine erbärmlich-erbarmungsbedürftige Institution, diese Tatsache kommt für Herrmann weiter darin zum Ausdruck, daß die Kirche und die Christenheit in ihren Denkstrukturen und Verhaltensweisen der übrigen Welt völlig gleichgeschaltet sind. Trotz aller Predigt sind innerhalb der Mauern der Kirche dieselben Mechanismen am Werk wie außerhalb, und sie führen zu denselben Vorurteilen und denselben Verurteilungen: "Der erste sagt: die andern sind anders als wir. Der zweite sagt: die andern sind schlechter als wir. Der dritte sagt: die anderen sind Untermenschen. Der vierte sagt: die anderen sind Tiere. Der fünfte sagt: die anderen sind schädliche Tiere. Der sechste sagt: schädliche Tiere kann man ausrotten. Der siebte sagt: schädliche Tiere muß man ausrotten. Der achte sagt: ich habe einen Plan zur Ausrottung. Und der neunte ist dann der Ausrotter, der Henker in der Nacht der langen Messer, der Kommandant des Konzentrationslagers."