"Aus großer Zeit": Der neue Band von Walter Kempowskis Familienchronik Im Haus der Großeltern und die Jahre des Ersten Weltkriegs / Von Dieter Hildebrandt

Möge die Zeit so groß werden, daß sie an diese Opfer heranreicht, und nie so groß, daß sie über ihr Andenken ins Leben wachse.

Karl Kraus, "In dieser großen Zeit".

Der Titel spricht Bände, und der Verlag verspricht sie auch, über den einen hinaus, der jetzt vorliegt. Walter Kempowski "schlägt nun die ersten Seiten jener deutschen Bürger-Chronik auf, die nach seinem Plan bis in unsere unmittelbare Gegenwart reichen wird", verheißt der Klappentext, aber der Schutzumschlag mit den roten Lettern "Aus großer Zeit" besagt, daß der Autor schon mitten in der Gegenwart ist, daß er jenen Ton zu treffen versteht, den er selbst noch sarkastisch meinen mag, aber doch schon im Vertrauen darauf, daß längst nicht alle Leser es mehr tun; den Ton, in dem Ironie zwar nicht kniefällig, aber kuschelig wird: "Aus großer Zeit" – da kann das Zitat fast schon auf die Gänsefüße verzichten und auf eigenen Beinen stehen. Denn dieser Buchtitel gerät ja in einen bundesrepublikanischen Herbst, in dem aus vielerlei Retrospektiven und mancherlei Nostalgie, natürlich auch aus der berühmten Rückbesinnung auf die Grundwerte, der Ton schon wieder zum Brustton wird: Aus großer Zeit. Ja, wenn nicht die, welche hatten wir sonst? Man verliebt sich nicht von ungefähr in eine kaiserliche Epoche, man nimmt nicht die Säulchen des Wilhelminismus als Mobiliar in die Wohnung wieder auf, ohne sich an ihnen auch aufzurichten. Aus großer Zeit: Trödel wird Trend. Aus großer Zeit: Kriegen wir auch wieder eine? Die Neugier auf ein Buch, das so heißt, ist gerechtfertigt –

Walter Kempowski: "Aus großer Zeit", Roman; Albrecht Knaus Verlag, Hamburg, 1978; 448 S., 32,– DM.

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