Die Anlagepolitik der Pensionsfonds ist ins Zwielicht geraten

Von Wilfried Kratz

Die Öffentlichkeit war erstaunt, aber die Fachwelt wunderte sich nicht. Ausgerechnet der Fuß eines Altarleuchters aus dem zwölften Jahrhundert erregte das Interesse der Pensionskasse der britischen Eisenbahnen. Für 2,3 Millionen Mark ersteigerte sie kürzlich diesen Kunstgegenstand aus der Sammlung von Hirsch, die bei Sotheby’s in London unter den Hammer kam.

Die Transaktion zeigt nicht nur Kunstbeflissenheit und die ausgeprägte Investitionsneigung der Manager dieser Kasse. Sie wirft auch ein Licht auf die gewachsene Bedeutung der Pensionsfonds in Großbritannien. Sie gehören zu den größten Kapitalsammelstellen des Landes, sind ein gewichtiger Faktor an der Börse, ein großer Gläubiger der Regierung sowie bedeutende Aktionäre und Hausbesitzer.

Macht und Einfluß der Pensionsfonds sind inzwischen Gegenstand einer öffentlichen Diskussion geworden. Das Wilson-Komitee zum Studium der Funktionsfähigkeit des Finanzapparats beschäftigt sich immer häufiger mit ihrer Rolle. Und Sir Harold Wilson selbst macht Andeutungen, daß hier "etwas" geschehen müsse. Ralph Quartano, der als Chefmanager die fast acht Milliarden Mark des Fonds der Postler verwaltet, hat denn auch ein etwas ungutes Gefühl: "Wenn der Wilson-Sturm losbricht, dann werden wir mitten in seinem Zentrum sein."

Der Publizität, die die Auktion der Sammlung von Hirsch ohnehin hatte – 608 Lose brachten 72 Millionen Mark –, konnte sich denn auch der British Railways Pension Fund nicht entziehen, als bekannt wurde, daß die Leiterin der Kunstabteilung mit dem beziehungsreichen Namen Anna Maria Edelstein, dem Bronzestück mit Erfolg nachgestellt hatte. Die Fonds-Manager selbst haben natürlich nie viel Aufhebens davon gemacht, wenn sie unter die Kunstsammler gingen. Aber die Anschaffung des teuren Leuchterfußes, dessen englische Herkunft später noch in Zweifel gezogen wurde, löste nun plötzlich Fragen und Leserbriefe aus. Warum muß die britische Eisenbahn, noch dazu ein staatliches Unternehmen, ihr Geld ausgerechnet in Kunst anlegen? Solche Sammlerobjekte bringen keine Zinsen und eine Wertsteigerung ist zwar wahrscheinlich aber nicht sicher.

Ray Buckton, Generalsekretär der Gewerkschaft der Lokomotivführer, monierte, daß die Ersparnisse hier nicht der Wiederbelebung der britischen Industrie dienten. Hatte nicht die Vereinigung der Pensionskassen in ihrer Vorlage an das Wilson-Komitee unter anderem erklärt, sie wollte Mittel für "produktive Investitionen" bereitstellen?