Der Anfang vom Ende als Weltvormacht

Von Sebastian Haffner

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren 55 Prozent der Erdoberfläche von Europa und von Staaten, die aus europäischen Kolonien hervorgegangen sind, abhängig. Dieser Anteil stieg bis 1878 auf 67 Prozent, bis 1914 auf 84,4 Prozent." Mit anderen Worten: Im 19. Jahrhundert war – oder schien – Europa auf dem Wege zur Weltherrschaft, und das niemals rapider als in seinem letzten Viertel. Aber dieses weltbeherrschende Europa war keine handlungsfähige politische Einheit, sondern – bestenfalls – ein Staatensystem; und in derselben Zeit, in der dieses Staatensystem zur Vormacht der Welt wurde, begann es sich allmählich aufzulösen, wiederum mit zunehmender Beschleunigung in den letzten 25 Jahren vor 1914.

In dieser Zeit trat an die Stelle dessen, "was man einst die Gemeinschaftlichkeit von Europa genannt hatte, ein die Rationalität des Interessehandelns zerstörendes Freund-Feind-Denken". "Vertragliche Beziehungen zwischen Staaten wurden fast nur noch auf die Möglichkeit des Krieges abgestellt und bestimmten das Verhalten in einem potentiellen Krieg. Ist dies unter Bismarck noch eine Form der Abschreckung gewesen, so wurde es jetzt zur permanenten Drohung." Das Ergebnis war schließlich der Erste Weltkrieg, der Europas Weltstellung untergrub, wenn auch zu ihrem endgültigen Verlust noch ein zweiter nötig war.

Die Zitate stammen aus dem fünften Band der sechsbändigen Propyläen Geschichte Europas

Theodor Schieder: "Staatensystem als Vormacht der Welt, 1848–1918", Propyläen Verlag, Berlin, 528 Seiten, 168,– DM.

Gern würde ich fortfahren: Sie enthalten auch den Kern der Geschichte, der "story", die Theodor Schieder erzählt. Aber das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Schieders Buch ist ja nicht einfach eine Studie des dramatischen und sensationellen Vorgangs, den man die Selbstzerstörung Europas nennen könnte, obwohl er ihn klarer herausarbeitet und einleuchtender analysiert als vielleicht irgendein anderes historisches Werk vor ihm. Es ist (manchmal denkt man: leider) auch Teil einer Enzyklopädie und daher genötigt, alles zu behandeln, was in Europa sonst noch in den siebzig Jahren geschah, über die es zu berichten hat; und das ist eine Menge.