Ulm/Donau

Das baden-württembergische Landesprüfungsamt für Medizin und Pharmazie wacht scharf über die Einhaltung der Prüfungsbestimmungen. Es ließ kürzlich drei Ulmer Medizinstudenten durchrasseln, weil sie ihre schriftlichen Arbeiten für den zweiten Abschnitt der ärztlichen Prüfung zwei bis drei Minuten zu spät abgegeben hatten. Formaljuristisch ist an dieser Entscheidung nicht zu rütteln, denn Paragraph 19 der Approbationsordnung für Ärzte droht solche Konsequenzen ausdrücklich an.

Die viertägige Prüfung begann am 28.. August um 9.15 Uhr, nach einer viertelstündigen Rechtsbelehrung. Unter den 84 Kandidaten waren auch der 48jährige Türke Mehmet Özkan und der 30jährige Perser Morteza Nekoi-Rizi. Auf 13 Uhr war die Abgabe der Prüfungsarbeiten angesetzt. Eine besondere Aufforderung dafür erhielten die Prüfungsteilnehmer nicht. Sie mußten, wie es rechtlich vorgeschrieben ist, den Prüfungskatalog unaufgefordert dem Aufsichtspersonal aushändigen.

Drei Teilnehmer, darunter Özkan und Nekoi-Rizi, versäumten die 13-Uhr-Frist um zwei bis drei Minuten. Ein Aufsichtsbeamter protokollierte den Vorgang formgerecht, beruhigte jedoch die Medizinstudenten mit dem Hinweis, daraus würde ihnen voraussichtlich kein Strick gedreht. Im Landesprüfungsamt, das den Fall zu beurteilen hatte, dachte man anders. Wochen später erhielt das Ulmer Studenten-Trio per Einschreiben den gleichlautenden Bescheid, daß die Prüfung als nicht bestanden gelte. Der Grund: "Ihre Arbeit wurde nicht um 13 Uhr, sondern um 13.03 Uhr abgegeben." Eine Wiederholung der Prüfung ist erst in sechs Monaten möglich. Die Betroffenen haben bereits rechtliche Schritte vor dem Verwaltungsgericht angekündigt.

Ein Rechtsstreit scheint nicht aussichtslos, weil durch eidesstattliche Erklärungen von Prüfungsteilnehmern gesichert zu sein scheint, daß es bei der Abgabefrist etwas turbulent zuging. Einer meinte: "Bei Prüfungsende herrschte große Unruhe im Saal." Özkan und Nekoi-Rizi behaupten, sie hätten die Aufforderung des Aufsichtsbeamten nicht gehört.

Welche Folgen eine Schreibtisch-Entscheidung haben kann, zeigt das persönliche Schicksal der beiden ausländischen Studenten. Nekoi-Rizi, der 30jährige Perser, steht bald ohne einen Pfennig Geld da, denn das Stipendium, das ihm das Diakonische Werk gewährte, ist mit Ende des Studienjahres ausgelaufen. Durch Hilfsarbeiten muß sich der Medizinalassistent bis zur nächsten Prüfung über Wasser halten. Der 48jährige. Türke Özkan ist verzweifelt. In seinem Alter sei jede weitere Zeitverzögerung eine Qual, sagt er. Özkan ist das, was man einen Spätberufenen nennt. In seinem Heimatland war er Mittelschullehrer. Als er die Liebe zur Medizin entdeckte, zog er samt seiner Familie in die Bundesrepublik. Zunächst war Özkan acht Jahre lang Hilfsarbeiter, bevor er 1972 an der Universität Ulm das Studium aufnehmen konnte. Sein Sohn ist im Gymnasium, seine Tochter studiert in München. "Wie soll ich jetzt die Familie ernähren?" fragt sich Özkan. Helmut Groß