Den Klagen über die Verderbtheit der Jugend hat sich eine weitere Stimme hinzugesellt. Elisabeth Noelle-Neumann (Institut für Demoskopie Allensbach) stellt in einer Untersuchung für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" besorgt fest, daß die Studierenden in der Bundesrepublik Deutschland überwiegend, oder doch zu einem erheblichen Teil, nicht die Gewähr dafür bieten, jederzeit für die freiheitlich demokratische Grundordnung einzutreten. So wird das Fazit zwar nicht gefaßt, aber das ist jedenfalls sein Sinn. Diese dem Beamtengesetz entlehnte und aus der Diskussion über den "Extremistenbeschluß" der Regierungschefs von Bund und Ländern vertraute Formulierung zeigt zugleich die politischen Zusammenhänge, in denen man Frau Noelle-Neumanns Wertung zu beurteilen hat. Wollte man sie ernst nehmen und zugleich den "Extremistenbeschluß" so exekutieren, wie manche seiner militanten Verfechter dies wünschen, so erfüllten erhebliche Teile der gegenwärtigen Studentengeneration nicht die gesetzliche Voraussetzung für eine Beamtentätigkeit, und es fehlte dann nur noch die Schlußfolgerung, jedem einzelnen dieser Studenten obliege die Beweislast dafür, daß er nicht in jene gleichsam "infizierte", vom Bazillus mangelnder Staatsräson befallene Gruppe falle.

Aber es genügt hier nicht, auf die tödliche Wirkung der Lächerlichkeit zu vertrauen, denn daß man Studenten (wie auch Gauklern und fahrendem Volk) im allgemeinen mißtrauen müsse, gehört zum kleinen Katechismus des Aberglaubens, der den Leuten immer wieder eingehämmert wird.

Wie gut ist nun Frau Noelle-Neumann für diese Breitseite munitioniert? Eine Stichprobe von 500 Studenten liegt der Untersuchung zugrunde. Dabei wird den in der akademischen Selbstverwaltung tätigen Studenten, "die das Meinungsklima bestimmen" (so die Autorin), jeweils ein besonderer Blick gezollt. Das nimmt sich dann so aus: "Unter den in der Selbstverwaltung aktiven Studenten sagt jeder fünfte (19 Prozent), er billige Gewalt gegen Personen; gegen Sachen könne man Gewalt anwenden, sagen dort 55 Prozent." In der Gesamtstichprobe vertritt etwa ein Drittel der Befragten die letztere Auffassung. Nun sind unter den 500 Studenten entweder die in der Selbstverwaltung tätigen überrepräsentiert – dann ist ihre Zahl möglicherweise für eine solche Aussage hinreichend groß, die Untersuchung aber insgesamt fragwürdig – oder aber – und dies sollte man vermuten – der Anteil dieser Studenten an der Stichprobe entspricht etwa dem an der gesamten Studentenzahl. Man kann annehmen, daß zwischen ein und zwei Prozent der Studenten in der Selbstverwaltung aktiv sind. Unter den 500 Befragten gab es dann etwa fünf bis zehn dieser Studenten, und die Befrager haben ein oder zwei davon getroffen, die Gewalt gegen Personen als Mittel der politischen Auseinandersetzung gelten lassen, und höchstens sechs, die Gewalt gegen Sachen sagen. Damit soll nicht diese Auffassung verharmlost werden, aber vom mathematischen Standpunkt aus sind hier Prozentangaben unvertretbar, und wer damit den Anschein der Wissenschaftlichkeit erweckt, täuscht den Leser.

Die den Befragten vorgelegten Urteile über den Kommunismus (die Mehrheit hält den Kommunismus von der Idee her für gut, seine Praxis in den kommunistischen Staaten für verfehlt), das politische Ziel, die parlamentarische Demokratie abzuschaffen (78 Prozent dagegen, 9 Prozent dafür) und die Bereitschaft, Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung zu dulden, sind in der Befragung keineswegs miteinander verknüpft, die Kommentierung, die dann auch noch Urteile über die Verfassungswirklichkeit (61 Prozent glauben wenigstens teilweise, daß das Grundgesetz ausgehöhlt werde, 65 Prozent stimmen mindestens teilweise der Auffassung zu, daß Regierung und Parlament nicht mehr die Interessen des Volkes vertreten) einbezieht, tut dies aber, und so entsteht folgender Eindruck: Ein erheblicher Teil der Studenten, womöglich die Mehrheit, hält den Kommunismus für gut, hat zwar Bedenken gegen seine Praxis, lehnt aber unsere verfassungsmäßige Ordnung ab. Ein beträchtlicher Anteil, jedenfalls aber die Mehrheit der Rädelsführer, schreckt auch vor Gewalt nicht zurück, und nur Halbherzigkeit führt einstweilen dazu, daß nicht auch schon die Systemveränderung von einem großen Teil gefordert wird.

Wie aber, wenn die richtige Interpretation so wäre: Die meisten Studenten halten den Kommunismus (welche Spielart?) für eine gutgemeinte Utopie, die für sie als politische Lösung nicht in Betracht kommt, dazu sind ihnen die Prinzipien unserer demokratischen Ordnung zu wichtig, die sie bei aller Kritik und Skepsis in Einzelfragen keineswegs preisgeben wollen. Gewalt als politisches Mittel lehnen sie ab, und unter denen, die sie zulassen, denken die meisten an Ausnahmesituationen (schließlich waren die Steinwürfe gegen die Panzer in Berlin, Budapest und Prag auch Gewalt gegen Sachen, Gewalt im Namen von Menschenwürde und Freiheit).

Die Befragung bestätigt Beobachtungen, die auch schon früher vorgetragen wurden. Es gibt unter der Mehrheit der Studenten eine Parteienverdrossenheit, die in Staatsverdrossenheit umzuschlagen droht. Sie hat ihren maßgeblichen Grund in der Überzeugung, daß die etablierten politischen Kräfte über die Köpfe der Menschen hinweg regieren. Diese Haltung führte dann zum Beispiel bei der letzten Bürgerschaftswahl in Hamburg zu dem Erfolg der Bunten Liste gerade unter den Studenten. Weiter haben viele Studenten den Eindruck, daß ihnen weniger Freiheiten eingeräumt werden als früher ihren Kommilitonen. Abgesehen davon, daß Anwendung und Diskussion des "Extremistenbeschlusses" zu einer weitverbreiteten und sehr ernsten Verunsicherung geführt haben, hat die Hochschulgesetzgebung zum Beispiel durch das Ordnungsrecht und die Regelstudienzeit Instrumente geschaffen, die früher keineswegs durchgängig üblich waren, die objektiv Freiheiten beschränken, die als Mittel der politischen Disziplinierung empfunden werden und von manchen ihrer Befürworter auch durchaus so gemeint sind.

Schließlich studieren an unseren Hochschulen Jahrgänge, für die der Kampf um Zensurenzehntel im Wettbewerb um die Studienplätze den Schulalltag prägte, die schon jetzt wissen, daß nach dem Examen auch die Arbeitsplätze knapp sein werden. Darum tummelt sich besser, wer einigermaßen erfolgreich sein will. Kann es da verwundern, wenn 73 Prozent die Auffassung, die Schulen und Universitäten produzierten den Typ des Angepaßten, belohnten den Opportunisten und verhinderten die Entfaltung des kritischen Bewußtseins, wenigstens teilweise für richtig halten?