Von Manuela Reichart

Ihr mögt ruhig versuchen, mir einen Namen zu geben, doch offen gesagt, ihr werdet mich nie nennen können, denn ich bin abwesend, auf dem Gipfel der Abwesenheit.“ So schreibt Danielle Sarréra. Sie brachte sich um, im Alter von siebzehn Jahren, 1949.

„Ich schreibe das dritte Evangelium mit der linken Hand... Ruhm und Ehre dem Tod, den ich in meinem düsteren Labyrinth wohlweislich destilliert habe!“ Ihre poetischen Texte schrieb sie in Schulhefte. Drei davon entdeckte man 1974 in Paris. Fast dreißig Jahre nach ihrem Tod werden sie jetzt auch bei uns veröffentlicht, zum größten Teil zweisprachig, ergänzt (und kommentiert) durch schöne Illustrationen –

Danielle Sarréra: „Arsenikblüten“, aus dem Französischen von Rudolf Wittkopf, mit Zeichnungen von Valie Export und einer Text-Collage von Bernd Matthes; Matthes & Seitz Verlag, München, 1978; 98 S., 22,– DM.

Mit siebzehn 1949 gestorben, das ist alles, was man über die Autorin erfährt. Genauere Lebensumstände, Kindheitsgeschichte und Elternhaus: nicht bekannt. So verweigert der Text von vornherein den Zugriff aufs Autobiographische, das gerade bei Schriftstellerinnen so oft als Schlüssel zum Werk herhalten muß. Die Texte von Danielle Sarréra sind keine Illustrationen des Lebens. So interessiert auch nicht die Spekulation, ob sie vielleicht doch noch leben könnte, anonym gealtert in Australien, wie es nach dem Erscheinen des Buchs ein Gerücht wissen wollte. Diese Texte leben unabhängig von Tod oder Leben der Schreiberin.

Danielle Sarréras Schulhefte waren für sie selber eine Art Tagebuch, obwohl sie darin nie Geschichten vom Tag erzählt, nur von der Geschichte. Über einen der vier Teile der „Arsenikblüten“ steht: „Tagebuch“. Dort unterwirft sie sich, an einem einzigen Tag, der „Ordnung der Dinge“ und notiert das Datum, 24. Februar, an dem sie schreibt: „Ich bin schlüpfrig wie ein Fisch und der Fluß wird mich niemals zugleich mit der Trägheit des Wassers ins Meer spülen.“ Alle anderen Eintragungen sind ohne Zeitangabe, denn Danielle ist selber „alt wie eine Uhr“, Schwester von Antigone, von Ophelia. Sie schrieb in ihren Heften ein Anti-Evangelium von der Leere des Lebens, von Liebe und Erotik und deren Gewalt(tätigkeit), von Angst und Langeweile.

Danielle Sarréra schreibt von Leid und Lust und deren unüberwindbarem Zusammenhang in einer Art, die mehr sagt über „Frau-Sein“ und weibliche Sexualität als jeder eindeutige Bericht vom „kleinen Unterschied“. „Ich lecke mein Geschlecht in einer Stellung von Zirkusleuten, und das lohnt die Mühe! Denn (um es nicht länger zu verhehlen) ich bin nie glücklich bei einem Liebesakt; ich tue nur so, damit der andere es sei. Und wenn er es ist, verfluche ich ihn, so meine Schenkel und Arme zu gebrauchen, um sich ganz unbeschreiblich zu fühlen. Ich sehe wie er sich auf den Laken in dem verschlossenen Zimmer vor Lust windet. Ich sehe wie er sich in die Achseln greift und danach schreit, durchgeprügelt zu werden.“