Die Krise ist da. Niemand leugnet sie, aber fast jeder definiert sie anders. Für die Parteien manifestiert sich die Krise des deutschen Fernsehens in der "mangelnden Ausgewogenheit" (wobei die Parteizentralen mit diesem verwaschenen Begriff jeweils nur die angebliche Bevorzugung der anderen Seite beklagen).

Was die Zuschauer anbetrifft, hängt die hersagte Krise wohl mit einem ganz normalen Ermüdungsphänomen zusammen.. Den Reiz der Neuheit hat das Fernsehen längst verloren. Es tritt allabendlich wie ein Verwandter in die Wohnzimmer, allzu bekannt und deswegen wenig geliebt und immer kritisiert.

Wird deswegen mehr abgeschaltet? Folgt das Fernsehvolk gar seinem Fernseh-muffligen Kanzler, der zur Wiederherstellung der Familienharmonie gar einen TV-Sabbat empfahl? Die nackten Zahlen lassen derlei nicht erkennen. Der Fernsehkonsum bleibt konstant. Auch die neue Programmstruktur von ARD und ZDF, von innen hochgerühmt und außen kräftig verdammt, hat daran kaum etwas verändert. Fernsehzuschauer (über 14 Jahre) blicken im abendlichen Durchschnitt 147 Minuten lang auf die Mattscheibe. Das sind drei Minuten mehr als im Vorjahr und eine Minute weniger als 1976.

Die Krise findet ihren Niederschlag also nicht in der Quantität des Konsums, ganz sicher aber in der Qualität der Produktion. Das liegt vor allem daran, daß das deutsche Fernsehen, noch bevor es in die Blüte seiner Jahre gekommen ist, schon die Gebrechen der Starrheit aufweist – dies gilt für die verschachtelte ARD noch stärker als für das zentralisierte und etwas jüngere ZDF.

Zehntausende von Mitarbeitern im Beamtenstatus bringen in täglicher, glatter Routine ein Programm hervor, bei dem Beweglichkeit und Spontaneität fast zu artfremden Begriffen geworden sind. Durch die unsinnige Rechtsprechung der Arbeitsgerichte, die jedem freien Mitarbeiter, der sein Talent auch nur flüchtig im Programm erprobt hat, eine lebenslange Festanstellung zubilligt, marschieren Monat für Monat immer neue Beamte in die Tore der Anstalten, darunter viele Fußkranke. Gerade bei den kleineren Sendern ist der Personaletat inzwischen so hoch, daß für das Programm kaum noch etwas bleibt.

Einer, der es wissen muß, Werner Hess, Intendant des Hessischen Rundfunks (und eine Weile auch ARD-Vorsitzender), hat in jenem vertraulichen Brief an seine Intendanten-Kollegen, aus dem Telebiss neulich schon in anderem Zusammenhang zitierte, die Misere unumwunden gekennzeichnet: "Unser ARD-Programm kommt gegenwärtig im wesentlichen dadurch zustande, daß die einzelnen Anstalten nach der Größe ihrer Kapazität, nach vorhandenem Personal und den zur Verfügung stehenden Finanzmitteln Angebote für das Gemeinschaftsprogramm machen, die durch die Programmdirektion und die kontinuierlichen Konferenzen der Programmdirektoren wie ein Flickenteppich zusammengesetzt werden."

Da nun aber die Intendanten am verkrusteten System, dessen Bestandteil-sie sind, und auch am Programm (von dem sie, als zumeist gelernte Verwaltungsadministratoren, ohnehin kaum etwas verstehen) nahezu nichts ändern können, sind sie immerhin auf einen pfiffigen Einfall gekommen. Das, was allzu häufig schlecht gerät, soll zumindest gut verkauft werden.