Von Marlies Menge

Kein Buch gegen die DDR" verspricht der Verlag im Klappentext zu

Tina Österreich: "Gleichheit, Gleichheit über alles – Alltag zwischen Elbe und Oder", Seewald-Verlag, Stuttgart 1978, 283 Seiten, 29,80 Mark.

Beim Lesen der rund 300 Seiten habe ich mich immer wieder gefragt, wie ein Buch beschaffen sein müsse, das der Verlag als ein Buch gegen die DDR bezeichnen würde. Es sei ein Buch "über die DDR", heißt es, über ihren Alltag. Doch dieser Alltag, der von der ehemaligen DDR-Bewohnerin Tina Österreich alias Dagmar Suckert vor dem Leser ausgebreitet wird, ist nicht das, was ein naiver Mensch sich unter Alltag vorstellt. Es ist das reine Martyrium.

Das Harmloseste ist noch, daß es schier nichts zu kaufen gibt, was eine Hausfrau und Mutter braucht, keine Badeöfen und Schnittblumen, keine Zahnbürsten und Tapetenkleister, keine Nachttöpfe und Stiefel für die Kinder, keine Dosensahne, keine Gebisse und keinen anständigen Haarlack. Schlimmer schon sind die Behausungen, in denen die Autorin jeweils wohnt, in denen es zieht, feucht ist, keine Sickergruben existieren, sich Mäuse und Ratten tummeln. Am illerschlimmsten aber ist es, wenn einer in einem solchen Staat krank wird, weil Hilfe offenbar grundsätzlich zu spät kommt. Dem Leser muß es vorkommen, als seien westliche Bananen und Pampelmusen die einzig wirksame Unterstützung gegen Krankheiten.

Überhaupt waren kurze Grüße aus dem Westen für die Autorin wohl die einzigen Lichtblicke in den sonst so freudlosen 30 Jahren DDR-Dasein: die drei Tage mit dem Besuch aus dem Westen zum Beispiel, vergoldet durch westliche Seife und Kaffee und dem Duft von 4711, oder – bei dem völlig verkorksten FDGB-Urlaub in der Ostsee – das westliche Schiff, das sie von weitem auf dem Meer schwimmen sah.

Das Schicksal geht nicht eben zimperlich mit der Autorin um, doch sie hat den Vorteil, alles, was schief läuft, der DDR anlasten zu können: Sie wächst ohne Vater auf, weil der nach dem Krieg im Westen bleibt; wäre die DDR attraktiver gewesen, wäre er nach Hause gekommen, hätte sie nicht bei den Großeltern bleiben müssen. Großvater und Großmutter sterben, die Großmutter von der zuständigen Ärztin schlimm Am Stich gelassen. Und so geht es immer weiter: Sie darf nicht den Beruf erlernen, den sie sich wünscht; 14 Tage vor der Geburt ihres ersten Kindes wird ihr Mann zur Armee eingezogen, später stirbt eines ihrer beiden Kinder fast, weil Ärzte und Schwestern nachlässig sind.