Sehen Sie, wie er geht", sagt mein Nachbar, als Henry sich vom Tisch erhebt und langsam zum Ausgang steuert. Henry ist 14, aber seine Schultern sind so breit wie bei einem 25jährigen. Mit den baumelnden Armen und dem wiegenden Gang wirkt er wie Seemann und Preisboxer in einem.

Victor ist ganz das Gegenteil. 14 Jahre auch er, aber klein, fast zierlich. Mit brauner Hose, kleingemustertem braunem Hemd und kamelhaarfarbenem Pullover ist er eleganter angezogen als alle versammelten Erwachsenen. Heute ist nämlich ein Fest, besser gesagt Henrys und Victors Fest und das vieler anderer Jugendlicher hier in Bushwick, im Stadtteil Brooklyn. Stolz sind sie alle, aber cool, man, so cool. "Ja", sagt Victor, als hätte er sein Leben lang Interviews gegeben, "ja, es war eine gute Erfahrung."

Es geht um das Werk eines Sommers, ein Wandbild, das ein Künstler zusammen mit den Jugendlichen entworfen hatte, und das sie dann auf eine Hauswand übertragen haben. "Spirito Latino" ist der Titel, und das wird gut verstanden in diesem vorwiegend spanischen Teil der Stadt. In leuchtenden Farben zeigt das Bild Menschen, die Musik machen. Die Landschaft ist zu schön, um irgendwo in New York angesiedelt zu sein; es ist eine Ideallandschaft, oder sagen wir einfach: Puerto Rico.

Bushwick ist nicht nur von Puertoricanern bewohnt, es ist auch einer der ärmsten Teile der Stadt, oder, wie Pfarrer Kelly sagt, "auf dem Weg dorthin, wo Harlem und die Süd-Bronx heute sind". Unweit des Wandbilds stehen denn auch fast so viele ausgebrannte Häuserzeilen wie in der von Armut und Brandstiftung verwüsteten Süd-Bronx.

Aber dieser Tag ist ein Lichtblick, gibt ein wenig Hoffnung. "Das Gefühl, etwas Positives geschafft zu haben", sagt Berry Mason, der Leiter der "Bushwick Jugenddienste", "ist verdammt selten für diese Kinder." Mason kennt sie genau, weiß, wo sie herkommen, und daß sie zu Hause anderen Szenen ausgesetzt sind als Festen mit Wein und Cola und Teigrollen. Sie alle gehen täglich in die Bushwick Jugenddienste", eine Kombination aus Schule und Jugendzentrum für solche, die es in einer normalen Schule nicht geschafft haben oder dort rausgeflogen sind, weil sie mit einer Marihuanazigarette auf der Toilette ertappt worden sind. "Unsere offizielle Aufgabe ist Rehabilitation", sagt Mason, "aber diese Kinder sind keine Süchtigen, nicht mehr als jeder normale Mensch. Wir versuchen, sie wieder zum Lernen zu motivieren, dann gehen sie nach einem oder zwei Jahren in ihre Schule zurück."

Builder Levy ist einer der beiden Lehrer, er arbeitet mit zwei Psychologen zusammen. Sein Medium, mit dessen Hilfe er die Jugendlichen motiviert, ist die Photographie, und er berichtet, daß es gerade eine Ausstellung im "Brooklyn Museum of Arts" mit den Arbeiten seiner Schüler gegeben habe.

An den Wänden des Klassenraumes hängen noch viele andere Photos; sie zeigen, was die Kinder täglich erleben und was sie auch ursprünglich als Motiv für das Wandbild vorgeschlagen hatten: brennende Häuser, Einsamkeit, "Herumstehen", hanging out, Disco Music. Am Ende entschieden sie sich für etwas Positives: Musik im Park. Sobald der Künstler, Eddy Alicia, den Entwurf – in ständiger Absprache mit den Jugendlichen – fertig hatte, haben sie wie besessen acht und mehr Stunden am Tag gearbeitet, um das Werk maßstabsgerecht auf die Wand zu übertragen. "Der hier", sagt Pete Ramos, ein Helfer der "Jugenddienste", von Michael, der kurz dazukommt, seinen Kopf für einen Moment scheu in Petes Armbeuge versteckt und wieder abzischt, "war der Größte. Kam morgens als erster, feingemacht wie alle anderen, zog sich die Malerklamotten an und war schon draußen."