Renate Rasp ,,Inniges Deustchland"

Von Hiltrud Gnüg

Wer Renate Rasps ersten Gedichtband "Eine Rennstrecke" (1969) kennt, diese lyrische Attacke wütender Zynismen auf den Mann, auf sich selber, den werden die neuen Gedichte überraschen –

Renate Rasp: "Junge? Deutschland", Gedichte; Hanser Verlag, München, 1978; 86 S., 16,80 DM.

War dort das Surreale Mittel eines lyrischen Psychogramms, so treten in den neuen Gedichten, die eher als gleichnishafte Fabeln, imaginierte Lebensentwürfe zu deuten sind, an die Stelle des Surrealen märchenhafte und mythische Vorstellungen: der bleiche, traurige Prinz Fritz Schlotterstein mit den dunkelblauen Augen und den blonden Locken – eine lyrische Parodie auf die ästhetische Pose einer anmutig zur Schau getragenen Melancholie; der Tod und das Mädchen, das in diesem den schönen Geliebten ersehnt – eine skeptische Parabel über die Scheinhaftigkeit idealisierender Liebe; auch der Liebes-Mythos von Orpheus, der Eurydike aus dem Totenreich zurückholen will, nimmt bei Renate Rasp eine ironische Wendung ins Banale: "Nun singt der Mann nicht mehr" – die vermeintliche Eurydike war die falsche, und der Alltag mit der Falschen hat Orpheus nun die Stimme, seine Produktivität geraubt.

Daß es die falsche sein mußte, gehört wohl zu den Grundüberzeugungen Renate Rasps. Und doch gibt es in ihren Gedichten einen Gefühlswiderspruch, der in den verschiedenen lyrischen Fiktionen durchscheint: Da ist einmal die skeptische Einsicht: "Ach ja, ich weiß/daß ich in einer fremden Welt/alleine bin./Vnd die Verbindung war für eine kurze Zeit/zwischen zwei Fremden,/die sich einmal ausgeruht/und fanden, daß dies doch nicht/ihr Zuhause war." Immer wieder spricht sich ein Pessimismus aus, daß eine reale gelebte Beziehung die Gefühle zerstört, in psychischen Zweikampf umschlägt, das Ich erniedrigt.

Doch zugleich träumt sich in den Bildern vom schönen Gott, "von Anfang an geliebt/von jeder Frau", dem zu schönen König mit dem wehen Blick eine Liebesutopie aus, die den Mann als starken, strahlend schönen Heros ausmalt, der die sehnende Bewunderung der Frau erweckt. Sicher, die Mutter entgegnet dem liebes- und todeskranken Mädchen: "das taugt nicht für die Welt/wie wir sie kennen", und sicher setzt Renate Rasp bewußt diese Märchenmotive ein, um deren Idealität zu entlarven. Doch der Rückgriff auf Märchen und Mythos ist bezeichnend: Das Ideal des gottähnlichen Mannes prägt insgeheim auch ihre kritische Reflexion der Mann/Frau-Beziehung. Der Märchenprinz bleibt da, bei Licht besehen, dann doch nur ein Frosch. Typisch für dieses Zugleich an kritischer Skepsis und abstraktem Ideal sind die Schlußzeilen des Gedichts "Eine kühle Romanze", das die Phantasie der Frau preist, die sich ihren Helden selbst schafft, stärker ist "als der Mann/der nur im Badezimmer etwas darstellt": "Liebe – dabei für sich sein!/Da ist das Ideal./Die unzerstörte Phantasie./Keine Erniedrigung! Kein Ehekrieg."