Von Alfons Nick

Zwölf Jahre hat der mit dem österreichischen Staatspreis, mit dem Förderpreis und dem Professorentitel ausgezeichnete Autor an diesem Buch gearbeitet –

Ernst Vasovec: "Sodom oder Das Vorbestimmte und das Zugefügte", Roman; Schneekluth Verlag, München, 1978; 704 S., 42,–DM.

Nichts Geringeres will der Roman untersuchen als die "Ursachen und Tatsachen 1938, 1945, 1975", also die dreißiger’ Jahre in Wien, den "Anschluß", Okkupations-, Kriegs- und Nachkriegselend, Judenschicksale. Es geht um die Fragen von Schuld und Vergeltung, schließlich um eine Kritik der Gegenwart, die dem Autor ein kaum weniger gräßliches Bild abgibt: mit drohendem Atompilz, den Anzeichen von Vermassung, der Blech- und Plastikkultur, dem Pansexualismus einer verwilderten Jugend ohne Ideale. In diese Apokalypse von heute und vor dreißig Jahren spielt die Parallelerscheinung des Untergangs von Sodom und Gomorrha, der farbenprächtige Untergang des Landes Ur in Cinemascope.

Ehe das Breitwandabenteuer beginnt, gibt der Autor mit einem Kapitel-Index dem Leser einen Ariadne-Faden durch das Wortlabyrinth. Doch solche Rätselüberschriften helfen nicht weiter: "Sirenengesang und Hiobsklage oder Entscheidende Begegnung mit der Medusa und Herausforderung eines Wunders im sakralen Raum". Solche Titel karikieren von fern die ironischen Überschriften von Musils "Mann ohne Eigenschaften". An eine ähnliche Mischform von Aktion und Reflexion, Essay und Zeitbild mag Vasovec gedacht haben. Doch hat er auch Thomas Manns "Josephs"-Romane nicht vergessen, nicht die "Letzten Tage der Menschheit" seires Landsmanns Karl Kraus und nicht Falladas "Kleiner Mann, was nun?" Und dies alles vergetragen mit dem barock ausschweifenden Erzähler-Gestus, der als österreichische Tradition gilt.

Gottsucherische Tiefe und dialektsprechende Seichtheit stehen indes in keinem Kontrast, sondern verwischen alle Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie dieses Erzählwerks. Dabei war offensichtlich geplant, den Leser durch mitreißende Assoziationsexplosion und raffinierte Verschachtelung der Perspektiven in eine Art Trance zu versetzen, die biblische Vorgeschichte als aktuell und unsere modernen Zeiten als archaisches Geschehen erscheinen zu lassen: Zeitlos ist "das Böse". Diese theologisch inspirierte Geschichtsauffassung wird vom Ich-Erzähler, Josef Schiller, einemFrontoffizier und späteren Zuschauer/Statisten, in wechselnden Rollen verkündet. Einen wie immer gearteten Fortschritt gibt es nicht. Es herrscht die negative Ewigkeit. Hitler ist "Adolf, der Ungeheure", der jederzeit wiederkommen kann. Der Ton der Jeremiade steigert sich zu dem eines schrillen Ressentiments gegen die Nachgeborenen, ihre Gegenkultur und erotische Libertinage.

Dieser gigantomanische Roman ist religiöse Warnliteratur, angereichert mit Gemengsein von Kulturkritik, Zeitgeschichte und (Auto-)Biographie. Ein Buch, das auffällig wird vor allem durch verbale Mißgeburten, stilistische Disziplinlosigkeit, kompositorische Disproportion und thematische Überfrachtung.