Trotz wachsender Arbeitslosigkeit steigen die Kurse unaufhaltsam

Logisch ist das alles nicht. Da taumelt Frankreichs Industrie von einer Krise in die nächste, da klettert die Zahl der Arbeitslosen, hält sich die Inflation auf hohem Niveau, sinkt der Franc – und dennoch ist die Pariser Börse wie entfesselt. Von Januar bis Ende September dieses Jahres stiegen die Aktienkurse um 72 Prozent. Das Magazin L’Express: "Eine Euphorie ohnegleichen hat die Börsianer gepackt."

Bereits vor den Parlamentswahlen im vergangenen März hatte die Börse verrückt gespielt. Obwohl alle Meinungsumfragen einen Sieg der Sozialisten und Kommunisten voraussagten, bewegten sich die Kurse nach oben. Die französischen Anleger schenkten den Londoner Wettbüros mehr Glauben als den eigenen Demoskopen und setzten auf die Wiederkehr der Regierung Barre. Die Tageszeitung Le Monde verglich die Vorwahlbörse mit einem "gigantischen Spielkasino", dessen Hektik über kurz oder lang in sich zusammenbrechen müsse.

Doch die Spekulanten behielten recht: die Linke ging mit fliegenden Fahnen unter. Wider Erwarten halten seitdem auch die Gewerkschaften still, und außer den fast obligatorischen Streiks im öffentlichen Bereich ist die soziale Landschaft ruhig wie selten. Die Gewerkschaftsführer begaben sich sogar zu Gesprächen in den Elysée-Palast und verhandelten mit dem Unternehmerverband. Dabei hatten sie vor den Wahlen angekündigt, eine Niederlage der Linken führe zur Mobilisierung der Massen.

Die Ruhe im Lande führte zu Hektik an der Börse. Allein im April, also unmittelbar nach den Wahlen, stieg der Aktienindex um vierzig Prozent, kletterte dann unaufhaltsam weiter und kam erst durch Gewinnmitnahmen im August zeitweise zum Stillstand. Seit dem Ferienende geht es weiter bergauf, und niemand wagt eine Prognose, wann die Hausse zu Ende sein könnte. Sogar das Ausland ist im großen Stil eingestiegen, was in Paris als Zeichen großen Vertrauens in die französische Entwicklung gewertet wird.

Das scheint deshalb paradox, weil mehrere Sektoren der französischen Wirtschaft in den letzten Monaten von schweren Schlägen getroffen wurden. Erst sogte der spektakuläre Bankrott des Textilkonzerns Boussac für Krisenstimmung. Darauf folgte die Schließung der Marseiller Werft Terrin und lenkte die Aufmerksamkeit auf eine weitere existenzgefährdete Branche. Schließlich zeigte die jüngst von der Regierung verordnete Neugestaltung und Teilverstaat-Heilung der Stahlindustrie, daß die Lösung der Strukturprobleme noch einige Sorgen machen wird. Fast 1,3 Millionen Arbeitslose im September sind die erschreckende Bilanz dieser Bemühungen.

Doch selbst solche Hiobsbotschaften konnten den Optimismus der Börse bisher nicht trüben. Sie ließ sich statt dessen davon beeindrucken, daß die Pariser Regierung deutlich ihre traditionelle Bevormundung der Wirtschaft lockert und ihr ungewohnte Freiheiten einräumt. So wurden die industriellen Erzeugerpreise und ein Teil der Verbraucherpreise aus der staatlichen Kontrolle entlassen, um die Selbstfinanzierung zu erleichtern. Da zudem die Konjunktur einen leichten Aufwärtstrend zeigt, haben sich auch die Gewinnerwartungen deutlich verbessert.