Von Gerhard Seehase

Hamburg

Am Bug des Schiffes stand der Name "Nordelbien". Erinnern wir uns jener Karikatur, mit der im Januar 1977 auf der Schlußseite der Zeitschrift "Blickpunkt Kirche" der Zusammenschluß der evangelisch-lutherischen Kirchen Norddeutschlands angekündigt wurde: Das Oberdeck des Schiffes war prall gefüllt mit zuversichtlich wirkenden Pastoren im Ornat; und während ein geistlicher Würdenträger die Schiffstaufe mit einer Bibel statt mit der üblichen Sektflasche vollzog, lugte ein Teufelchen hinter dem Heck des vom Stapel laufenden Dampfers aus dem Wasser.

Das Teufelchen im Detail begleitete fortan das Riesenschiff mit dem Namen "Nordelbien", auf dem sich rund 3,4 Millionen Mitglieder der ehemaligen Landeskirchen Schleswig-Holstein, Hamburg, Lübeck, Eutin und des Hannoverschen Kirchenkreises Harburg zusammenfanden. Und wie es nun einmal so ist bei einem neuen Schiff, das vom Stapel läuft, kamen die ersten Kursschwierigkeiten sofort nach dem Auslaufen aus dem geschützten Hafen. Das Teufelchen war also keine boshafte Erfindung des Zeichners, sondern die völlig berechtigte Aufforderung an die Mitreisenden, sich nicht zu sehr auf die Engelchen zu verlassen, die mit dem Flatterband "up ewig ungedeelt" über dem Schiff schwebten.

Wie gesagt, das vertrackte Teufelchen behielt seine Hand im Spiel. Zuerst, als es den Synodalen wegen eines völlig antiquierten Wahlgesetzes nicht gelang, für den aus Altersgründen zurückgetretenen Schleswiger Bischof Alfred Petersen einen Nachfolger zu finden. Danach, als die Kirchenleitung in Kiel verfügte, das Martin-Luther-King-Haus an der Hamburger Grindelallee, Domizil der Evangelischen Studenten-Gemeinde (ESG), mit Polizeigewalt zu schließen. Und schließlich, als man sich gestattete, in der Norderstedter Gemeinde, vor den Toren Hamburgs, ein Experiment zu starten.

Aber just dieses Experiment, bei dem das vertrackte Teufelchen nicht ausgeklammert werden darf, beweist, daß "Nordelbien" gar nicht so seeuntüchtig ist, wie es zunächst schien. Denn hier in Norderstedt haben konträre Meinungen – auch wenn sie nur als "Experiment" apostrophiert werden – eigentlich bewiesen, daß es der Kirche ernst ist, wenn sie "Toleranz" meint.

In Norderstedt nämlich steuert die evangelische Kirchengemeinde einen Kurs, der nach den konventionellen Messungen eigentlich mit einer Havarie enden müßte. Da wird in der "Schalom-Gemeinde" ein Gottesdienst praktiziert, der nun überhaupt nichts mehr mit dem üblichen Gottesdienst zu tun hat. Hier würde, so sagen die Gegner der "Schalom-Gemeinde", statt christlicher Erbauung Sonntag für Sonntag eine linke politische Diskussion stattfinden. Die drei im "Schalom" tätigen Pastoren sind Theodor Lescow, Sönke Wandschneider und Dietrich Frahm. Und sie werden, nicht zuletzt, vom Kieler Bischof Hübner, stark attackiert. Das, so heißt es, könne doch wohl kaum noch, weder in der Form noch im Inhalt des Gottesdienstes, geduldet werden.