Von Heinz Josef Herbort

Die alte, die leidige Frage: Wird ein Komponist – Maler, Schriftsteller, Sänger, Politiker, Industriemanager, Wissenschaftler, Abenteurer, Religionsstifter, Krimineller–dadurch interessanter, wichtiger, diskutabler, daß sich eines seiner Lebens- oder Sterbensdaten zum ersten, zehnten, hundertsten oder tausendsten Male jährt? Ist eines seiner Werke, das er mit einunddreißig oder siebenundachtzig Jahren schrieb, malte, druckte, vortrug, plötzlich einer Aufführung, Ausstellung, Wiederveröffentlichung, Podiumsdiskussion würdiger, nur weil der Jahresabstand zu uns heute eine, zwei oder drei Nullen aufweist?

Aber die Nekrophilie muß die Feste um die Verstorbenen offenbar feiern, wie sie fallen, und wenn dabei die ganze Leiche draufgeht. Die Verfasser von kalendarischen Jubiläumsübersichten arbeiten bereits drei Jahre im voraus, damit auch niemand den rechten Zeitpunkt verpasse. Vor allem nicht die Verfertiger jener Biographien, über die es dann im Klappentext heißen kann, dieses Buch sei "das erste, in dem Schicksal und Persönlichkeit des (folgt Berufsbezeichnung) ganz im Mittelpunkt stehen", es zeichne sich "durch behutsame, aber durchdringende Erfassung der Persönlichkeit aus", und es sei "ergreifend zu lesen", wie der (folgt wieder Berufsbezeichnung), der ja "in einem bitterschweren Leben Schönes ohne Zahl geschaffen" habe, der "nicht nur ein genialer, sondern auch ein tief empfindender liebenswerter Mensch" war und, "wie der Verfasser mit Recht meint, mehr Aufmerksamkeit, mehr Gerechtigkeit und mehr Verständnis verdient", wie also "der sensible überaus gefühlvolle junge Mensch damit (nämlich mit der Syphilis, die er sich mit etwa fünfundzwanzig Jahren einhandelte) fertig zu werden und doch das Höchste zu vollbringen suchte".

Künstler-Mono- oder -Biographien, die auf ein solches Nullen-Datum hin geschrieben werden, müssen offenbar so tremolierend temperiert sein, müssen mehr den Vorstellungen der Dichter von Prospektsprüchen gerecht werden als dem derzeitigen Stellenwert des zu Feiernden. Und dies um so eher, je weniger konkret, begrifflich faßbar sich dessen Oeuvre anbietet, je mehr also es sich im Bereich des rein Spekulativen, Abstrakten, nicht definitiv Beschreibbaren bewegt. Etwa also in der Musik.

"Bach und der Käseverbrauch" hieß 1950 der absonderlichste Titel, der zum zweihundertsten Todestag Johann Sebastian Bachs erfunden wurde. Wir hatten. 1956 ein Mozart-Jahr (200. Geburtstag), hatten 1970 ein erstes Beethoven-Jahr (200. Geburtstag) und 1977 ein zweites (150. Todestag), wir hatten ein Wagner-Jahr (1976, zum hundertsten Jahrestag der Eröffnung des Bayreuther Festspielhauses), und wir werden, hoffentlich, im kommenden Jahr der Musiker John Banister († 1679), Diedrich Becker († 1679), Natanael Berg (* 1879), August Bournonville (* 1879), Florian Gassmann († 1729), François Gossec († 1879), Johann Heinichen († 1729), Peter Heise († 1879), Adolf Jensen († 1879), Henrich Johnson († 1779), Johann Nicolai (* 1629), Hieronymus Praetorius († 1629), Anton Rubinstein (* 1829), Guiseppe Sarti (* 1729), Johann Schieferdecker (* 1679) und Johann Dismas Zelenka († 1679, siehe auch Seite 35 dieser Literatur-Beilage) gedenken.

In diesem Jahr nun traf auf uns (oder treffen wir auf ihn): Franz Schubert, vor hundertfünfzig Jahren am 19. November 1828 gestorben: "Es war ihm versagt, das Edle, Unendliche noch länger in Töne zu fassen. Aber mit dem, was er sagen konnte, ist er uns nah und vertraut wie wenige. Auf der Reise durch dieses Leben, die wir alle nur einmal machen, begleitet er uns, wenn wir wollen, wie ein Freund, wie ein Bruder. Wenn wir es wünschen, nimmt er uns mit in sein Land der Anmut, des Erhabenen, der Güte und der Kraft."

Das Zitat entstammt einer jener Biographien, die nicht geschrieben, sondern zur Harfe gesungen werden –