Von Angelika Mechtel

Wir haben wenige Zeiten im Leben, die uns gehören. Wenn wir aus dem WIR entlassen werden, ist unsere Jugendenergie geschwächt und sind wir noch immer im Zweifel, ob wir uns schreibend zum zweitenmal erschaffen können", sagt Ingeborg Drewitz in einem Interview (mit Alexander Bauer im "Vorwärts" am 27. 7. 1978). Eine Aussage – Zustimmung und Widerspruch provozierend – wie sie auch stehen könnte in dem neuen Buch von –

Ingeborg Drewitz: "Gestern war heute – hundert Jahre Gegenwart", Roman; claassen Verlag, Düsseldorf 1978; 382 S., 29,80 DM,

denkbar in einer Auseinandersetzung mit der erwachsen werdenden Tochter (und ich bin mir in dem Augenblick, in dem ich das schreibe, nicht mehr sicher, ob es nicht doch so dort steht – es gibt eine Einheit zwischen, der Person der Autorin und ihrem Buch, die Irritationen hervorruft).

"Gestern war heute – hundert Jahre Gegenwart" – ein listiger Titel, der, betrachtet man den Zeitraum des eigentlichen Handlungsverlaufs: 1923 bis 1978, zuerst nicht angemessen scheint, dann aber hundert. Jahre deutscher Geschichte zurückdenken und auf ein Zeitereignis stoßen läßt, das allein von einer politisch sensiblen Autorin wie Ingeborg Drewitz gemeint sein kann (und durch einen Hinweis auf ein Kaiserattentat mit den Familienfolgen einer Flucht legitimiert wird): die Bismarckschen Sozialistengesetze von 1878, die, gekoppelt mit innen- und außenpolitischen Konservatismus, eine der zahlreichen historisch belegten Verfolgungen der deutschen Linken in Gang brachte. So wird also allein schon mit dem Titel des Romans eine Klammer gesetzt, innerhalb derer sich Familiengeschichte und die persönliche Geschichte einer Frau nicht ohne politische Bezüge abspielt.

Ein Familienroman also, ein Frauenroman und ein politischer. Im Mittelpunkt stehen Gabriele M. und fünfundfünfzig Jahre ihres Lebens, verbunden mit den Zeitereignissen in Deutschland und in Berlin von 1923 bis 1978. Komplex und vielschichtig. So komplex und vielschichtig, daß ich es als ein Wagnis ansehe, diesen Stoff schreibend zu bewältigen.

Fünfundfünfzig Jahre Lebenslauf einer Frau mit seinen inneren und äußeren Entwicklungen, seinen psychischen und physischen Abhängigkeiten zu beschreiben, wäre bereits ein literarisches Unterfangen, dessen Meisterung nicht unbedingt gegeben ist. Eine intensiv gelebte Innenwelt der Frau und ihre ganz persönlichen Schwierigkeiten mit der Außenwelt auch noch in einen engen Bezug zur politischen Wirklichkeit zu setzen, das ist das Risiko, das Ingeborg Drewitz mit diesem Buch eingegangen ist.