Von Helmut Günther

Die westliche Gesellschaft hat den Glauben an ihre emanzipatorische Aufgabe weitgehend verloren: Technischer Fortschritt allein! ergibt keinen Sinn mehr. In dieser Situation wird der vom Zivilisationsprozeß dumpf und stumm gemachte Körper wieder erlebt als unzerstörbare Garantie für Menschlichkeit, als Stifter von Sinn und Glück. Von den noch körpernahen nichtwestlichen Kulturen könnten wir lernen. Es waren exotische Körpertechniken, die in den sechziger Jahren von der westlichen Jugend übernommen wurden:

  • fernöstliche Kampfstile;
  • afro-amerikanische Tänze;
  • indianische Ekstase-Exerzitien.

Diese Übernahmen geschahen zunächst naiv und unreflektiert. Aber nun haben auch die Intellektuellen den Körper als sinnliches und sinnstiftendes Phänomen entdeckt. Der Erfolg des Strukturalismus von Lévi-Strauss hat seinen Grund auch darin, daß die ahistorische, aber von Anschauung gesättigte Körpernähe des "wilden Denkens" ausgespielt wird gegen den körperfeindlichen Fortschrittsglauben der westlichen Zivilisation. Wissenschaftliche Beschäftigung mit den körpernahen nichtwestlichen Kulturen kann so Lebenshilfe für die technisch und politisch noch immer führenden westlichen. Industrienationen werden. Verschollene Ethnologen wie Marcel Mauss ("Die Techniken des Körpers") werden in Frankreich und Deutschland wiederentdeckt. Der seit 1930 in Frankreich publizierende Michel Leiris wird endlich auch in Deutschland gelesen und diskutiert. Eine neue Dichtungsart entsteht: die von Hubert Fichte praktizierte, von Helmut Heißenbüttel gepriesene "Ethnopoesie".

Aber nicht nur in Frankreich wurde der Körper von der wissenschaftlichen Forschung entdeckt. Der englische Anthropologe Ted Polhemus schrieb: "Der Kult des Körpers ist in die akademische Welt eingedrungen." In den USA wurden zwei neue Körper Wissenschaften entwickelt: die "Canto-Choreometrics" von Alan Lomax und die "Kinesics" von Ray L. Birdwhistell. Lomax hat zusammen mit der aus Deutschland stammenden Laban-Schülerin Irmgard Bartenieff die Bewegungsstile der verschiedensten Kulturen untersucht und systematisiert. Birdwhistell, Lehrer von Lomax, hat nachgewiesen, daß fast jede Art von Körper- und Bewegungsverhalten kulturell bedingt ist. Leider beschränkt sich dieser Forscher als Behaviorist auf die sozial-kommunikativen Aufgaben von Gestik und Mimik. Der Körper als Träger von Ausdruck, als Schöpfer sinnlichen Glücks kommt bei ihm nicht vor.

Hier setzen die englischen "Körperforscher" ein. J. Benthall und T. Polhemus erforschen den expressiven Körper als Mittel konkreter Selbstverwirklichung: "Body experience" wird zur "self experience". Für die englischen Körperforscher ist die Sprache des Körpers auf dem Felde des individuellen, sinnlichen Ausdrucks der Wortsprache weit überlegen. An die Stelle der zur, menschlichen Selbstentfremdung führenden Logozentrik soll eine Somazentrik treten, die dem Menschen hilft, wieder zu sich selber zu kommen.

Die Körper- und Bewegungsforschung in der Bundesrepublik ist zunächst unabhängig von den ausländischen Bestrebungen entstanden, stellt sich in zwei Zweigen vor: Die eine, von Adorno her argumentierend, ist an der revolutionären politischen Praxis orientiert; die andere verbindet traditionelle Geschichtsforschung mit den Resultaten des Strukturalismus und der Epochenforschung im Stil von Foucault. Zentrum dieser "Historischen Verhaltensforschung" ist die Universität Stuttgart. Die neomarxistische Körperforschung ist aus der Studentenrebellion von 1968 hervorgegangen. Ihre wichtigsten Vertreter sind Dietmar .Kamper, Volker Rittner (Universität Marburg) und Rudolf zur Lippe (Universität Oldenburg). Kamper hat zwei Sammelbände herausgebracht, in denen fast alle deutschen und ausländischen Körperforscher zu Wort kommen oder doch vorgestellt werden –