Von Gert Heidenreich

Donnerstag, 13. Juli 1978, 14 Uhr. Der Graphiker Peter Reuss hört Schritte auf dem Korridor. Seine Wohnungstür wird geöffnet. Er steht vom Zeichentisch auf und sieht sich in der Diele fünf Polizeibeamten gegenüber – alle mit Maschinenpistolen bewaffnet. „Warum haben Sie denn nicht geklingelt?“ fragt er und denkt: Bloß ruhig bleiben, sonst werden die nervös. Vor der Tür: weitere drei Beamte und ein Polizeiphotograph. Reuss besinnt sich auf seine Bürgerrechte und erkundigt sich nach dem Hausdurchsuchungsbefehl. „Den brauchen wir hier nicht, Gefahr im Verzug“, antwortet einer der Beamten namens Richter. „Wieso Gefahr, welche denn?“ fragt Reuss und erhält die Auskunft: „Weil wir das sagen, darum.“

So jedenfalls erinnert sich der Graphiker.

Doch Peter Reuss hat „Glück“: Man sucht nicht ihn, sondern seinen Flurnachbarn Heinz Jacobi. An den langen Fluren des Altbaus, eines ehemaligen Klostergebäudes in der Münchner Martin-Greiff-Straße 3, gibt es viele Türen. Und weil der Literat Jacobi an seiner Tür einen Zettel hinterlassen hat, man möge Post für ihn beim Nachbarn Reuss abgeben, öffnete das Kommando mit einem Nachschlüssel die Tür des Graphikers.

Heinz Jacobi ist presserechtlich verantwortlich für den Demokratischen Informationsdienst und gibt die politisch-literarische Zeitschrift Der Martin-Greiff-Bote heraus, die er vorwiegend mit Selbstverfaßtem füllt: „Ich verunglimpfe bekanntlich diesen Staat fürs Leben gern. Aber was ist denn an diesem lächerlichen bürokratischen Machtrausch noch zu verunglimpfen? Er tut’s doch fortwährend selber. Man konstatiert bloß noch.“ Später wird die Staatsanwaltschaft behaupten, man habe zwischen ihm und Reuss engere Verbindungen vermuten dürfen, weil beide einen – längst erloschenen – Paranoia-Verlag betrieben hätten.

Von den Beamten aufgefordert, macht sich eine Dame vom Schlüsseldienst nun ans Schloß der Jacobi-Wohnung. Reuss holt seinen Photoapparat und nimmt die Szene im Korridor auf. Zwei Beamte ergreifen ihn plötzlich von hinten, ein dritter entreißt ihm die Kamera, reicht. sie dem Polizeiphotographen weiter, der sie sofort zu öffnen versucht – vergeblich: er kennt sich mit dem Modell nicht aus. Juristische Begründung der Beamten: „Wir haben das Recht am eigenen Bild.“

Die Dame vom Schlüsseldienst