Wenn man den Begriff "Wetterbericht", den man nach diesem Sommer so gern verdrängen mochte, ins Englische und ins Musikalische übersetzt, verliert er seinen verregneten Schrecken. Denn "Weather Report", diese amerikanische Jazz-Rock-Gruppe, verbreitet ein Klima des Wohlbehagens, lud aber auch bei ihrer gerade beendeten Deutschlandtournee und mit ihrer letzten Schallplatte ("Mr. Gene", CBS 82 775) zum Nachdenken ein.

Der Pianist Joe Zawinul, dieser Wiener mit der schwarzen Soul-Seele, und der farbige Tenorsaxophonist Wayne Shorter haben je schon Seite an Seite musiziert, als im Jahre 1970 die Platte "Bitches Brew" entstand, jenes folgenschwere Gebräu, in dem sich unter der Leitung des großen Trompeters Miles Davis zum erstenmal Jazz und Rock so mischten, daß etwas nicht nur Unterhaltsames, sondern ästhetisch sehr Ernstzunehmendes entstand. Der Jazz-Fan und die Pop-Jugend haben sich gemeinsam an diesem bekömmlichen Trank gelabt. "Weather Report", von den flügge gewordenen Jüngern des Miles Davis ins Leben gerufen, hat sich einen ähnlich durchschlagenden Erfolg erspielt. Das freut den aufgeklärten Musikfreund. Denn friedlich nebeneinander sitzen im Parkett und um den Plattenteller: die Leute, die den modernen Jazz lieben und all die Jungen, die ohne eine solche, die Gegensätze versöhnende Gruppe nie ein Jazz-Konzert besucht hätten.

Doch wie gesagt: In die Freude mischt sich auch eine Frage. Was meinen die Musikanten, die da mit so bestechendem musikalischen Handwerk ihre Konzeption präsentieren, nun wirklich? Sind sie in der Tat identisch mit dem, was sie da machen? Spielen sie die Wahrheit, wenn sie so trendbewußt die Welt der Jugend, das Reich der Elektronik und der meditativen Klangräusche betreten, wenn sie den heute ach so üblichen Phon-Terror nicht scheuen, ja hin und wieder ein paar Züge auf der Disco-Welle mitschwimmen?

Diese Frage, während des Konzerts nur schwer zu unterdrücken, stellt sich beim Anhören der Platte nicht ganz so laut. Sicher, man führt immer wieder die Solidarität mit der Dritten Welt überdeutlich im gestylten Wappen, trägt schickes Schwarz und die Barbarei aus der Boutique. Doch häufiger noch nehmen, aus elektronisch mystischen Nebeln herauswachsend, prägnante und für die Improvisationen tragfähige Riffs Gestalt an.

Zawinuls "Young And Fine" steht noch am ehesten in der Tradition jener lyrischen Stücke des modernen Jazz, deren Melodie über westindisch-karibischen Rhythmen weit ausschwingt; Doch auch hier verdichten sich Frage und Beantwortung zwischen den Instrumenten zu einem so engen Kollektiv, daß jedes Nachdenken darüber, was hier nun Solo, was Ensemble ist, überflüssig wird. Der Gruppensound dominiert, und am empfindlichsten hat darunter Wayne Shorter zu leiden, dessen beseeltes Tenor- und Sopransaxophonblasen in den elektronischen Fluten manchmal völlig untergeht. Profilieren kann sich der blutjunge Bassist Jaco Pastorius, dessen Art, wie eine Rothaut über die Bühne zu schleichen und wahre Kriegslage aufzuführen, auf das Rhythmische mächtig abgefärbt hat. Immer wieder kommt es wie eine Art Indio-Funk dahergetrottet ("River People"), hypnotisch und manchmal auch, wie in "The Pursuit Of The Woman With The Feathered Hat", von kaltischen Chören untermalt.

Souliges ("Mr. Gone") steht neben Balladeskem wie "And Then". Und auch der Humor fehlt nicht. Ein Stück, das sich mit Tempowechsel und freien Kadenzen formal besonders anspruchsvoll gibt, trägt – wer hätte das gedacht? – den Titel "Punk Jazz". Werner Burkhardt