Kind und Buch": Die drei Worte stehen als Thema über der sechs Tage dauernden, 30. Frankfurter Buchmesse, die am Sonntag beendet wird mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die von Kindern in aller Welt geliebte, literarische Langstrumpf-Strickerin Astrid Lindgren.

Kind und Buch: das war und ist und wird sein das wahre Motto für den alljährlichen Marathon der Literatur im Frankfurter Westend. Buchmesse: das ist für alle, die in Pflicht oder Kür mit Büchern zu tun haben – Weihnachten im Herbst. Bescherung und Erntedankfest fallen auf einen Termin. Da kann der philosophierende Kaiser Marc Aurel vor siebzehnhundert Jahren schon in Rom gemahnt haben: "Den Durst nach den Büchern wirf weg, damit du nicht murrend stirbst" – die Lemminge der Literatur murren zwar beim Kofferpacken, stürzen sich aber, Jahr für Jahr, in das schreckliche Klima der Rhein-Main-Ebene, in das Verkehrs-Chaos von Frankfurt. Da wird, hochprozentig, von morgens bis mitternachts, so mancher Durst gestillt; der "nach den Büchern" aber wird gerade vor den vollen Regalen von diesmal 4611 Verlagen mit 280 Tausend Titeln (darunter zum erstenmal solchen aus Botswana und Jamaika) wieder bis zur Versuchung der Selbstbedienung geweckt bei den Bücherkindern jeden Alters, die ihr Zuhause eh schon in eine Filiale der Frankfurter Bücherschau verwandelt haben.

Wie ein Kommentar zur diesjährigen Messe liest sich, was Georg Christoph Lichtenberg vor zweihundert Jahren notiert hat: "Es wäre ein guter Plan, wenn einmal ein Kind ein Buch für einen Alten schriebe, da jetzt alles für Kinder schreibt." Geht dieser Wunsch auch, noch nicht in Erfüllung – Kinder immerhin werden auf dieser Messe täglich ihre eigene Messezeitung schreiben, redigieren, drucken.

Gute Zeiten also für Literatur? Die Antwort läßt sich nicht nur hören im fröhlichen Klingeln der Buchhändler-Kassen, sondern auch sehen: Das Regal für literarische Zeitschriften muß in diesem Jahr angestückt werden. Erstaunlich ist das wiedererwachte Interesse an Literatur, das sich da ausdrückt. Und wenn, der alte "Monat" neu erscheint, oder ein gestandener Verlag wie Klett-Cotta eine "Halbjahrsschrift für Literatur", "Hermannstraße 14", auflegen und als Herausgeber Helmut Heißenbüttel und Bernd Jentzsch verpflichten kann, dann darf der Buch-Wetterbericht, vorsichtig, einen Literaturfrühling im Herbst ausrufen.

"Ein Buch, das ist nur gut, wenn man draus kochen kann" – so die kritischen Kategorien, nach denen Molière die Küchemamsell Martine in den "Gelehrten. Frauen". Werke, der Literatur abschmecken läßt. Eine kräftige Prise solcher Weisheit würzt die literarische Diskussion: Geschriebenes wird auf seinen Gebrauchswert geprüft, das Buch als (Über-)Lebensmittel erkannt.

Gibt es auch deshalb nicht die sinnlose und literaturfremde Frage nach "dem" Messe-Buch, das "man" gelesen haben "muß"? Auffällig sind die vielen Bücher kleiner Prosa, in denen oft mehr von deutscher Wirklichkeit zu finden, ist als in den dickleibigen Romanen. Was deutsche Autoren, nach dem Urteil mancher Kritiker, gar nicht können, was Verleger nur mit zitternden Händen an die Öffentlichkeit zu geben pflegen, weil Buchhändler und Leser angeblich kein Verlangen danach haben, ist jetzt da, wird gekauft und gelesen: Erzählungen (von Heißenbüttel und Dittberner, Ludwig Fels und Katja Behrens, Klaus Roehler und Thomas Bernhard, Johannes Schenk und Günter Kunert).

Erzählungen werden auch in einer neuen Serie des ZEITmagazins gedruckt. Außerdem gibt es ein ZEIT-Dossier zur neuesten deutschen Literatur (S. 33–36). Mehr über zeitgenössische Literatur schließlich auf den 36 Seiten der Literatur-Beilage der ZEIT zur Buchmesse – auf daß auch in diesem Jahr der Seufzer wahr werde, der sich vor zweihundert Jahren der Brust von Johann Gottlob Marezoll entrungen hat: "Daß man vor Schrecken über die Menge der neuen Bücher, die jede Messe herauskommen, nicht augenblicklich des Todes ist, kommt bloß daher, weil Bücherfreunde ein zähes Leben haben und abgehärtet sind." Rolf Michaelis