Hans Magnus Enzensbergers Versepos "Der Untergang der Titanic"

Von Benjamin Henrichs

Als der Philosoph Immanuel Kant mit dem Dampfschiff nach Amerika reiste, erkundigte er sich des öfteren besorgt nach der Windrichtung. "West Nordwest", beruhigte ihn dann der Steward. "Sind hier Eisberge", fragte Kant plötzlich. "Kein Eisberg, Herr Professor Kant." Der Philosoph, keinesfalls beschwichtigt: "Wer sagt / daß nicht da / wo gesagt wird / kein Eisberg / ein Eisberg ist / Denken Sie nur an die Titanic." Darauf Friedrich, des Philosophen Papagei: "Titanic Titanic".

Eine Szene aus "Immanuel Kant" von Thomas Bernhard, geschrieben 1977. Zwar passiert Kants Schiff alle Eisberge, erreicht Amerika; doch als er von Bord geht, wird der Philosoph, der "Amerika die Vernunft bringen", wollte, von kräftigen Irrenwärtern Verhaftet. Thomas Bernhard nennt sein Stück: "eine Komödie".

Ein halbes Jahr nach der Uraufführung von "Kant" erscheint ein anderes Buch, ebenfalls 1977 geschrieben, ein Buch vom Untergang (eines Schiffes, einer Hoffnung); vielleicht ein Buch vom Untergang der Welt. Der Autor nennt es eine "Komödie" –

Hans Magnus Enzensberger: "Der Untergang der Titanic", Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1978; 118 S., 20,– DM.

Ich habe mich, Enzensberger lesend, an Thomas Bernhard erinnert – nicht nur, weil es da ein paar äußerliche Beziehungen zwischen den beiden Katastrophen-Komödien gibt; nicht nur, weil Kant von der "Titanic" redet, eine wortselige Passagierin auf Bernhards Schiff ständig das Los ihrer Großmutter beklagt, die mit der "Titanic" (und dem gesamten Familienschmuck) untergegangen ist; sondern vor allem wegen der sehr merkwürdigen Verwandtschaft zwischen beiden Büchern, zwischen zwei einander so fernen Autoren. Der Solipsist von Ohlsdorf und der Herausgeber des "Kursbuchs": beide schreiben von der Apokalypse, beide nennen sie eine "Komödie". Und beide Untergangs-Texte sind von einer Virtuosität, die alles Behagen an der Katastrophe vertreibt, die erst einmal nur frieren macht.