ARD, ZDF, III. Programm: "Parteivorsitzende zur Landtagswahl" und weitere Wahlberuhte

In Bayern, dem von den einen ob seiner Liberalität hochgepriesenen und von den anderen wegen der Unwissenheit seiner Bewohner bösartig verleumdeten Land – ein Paradies, von Tieren bevölkert, nannte Friedrich von Preußen das ihm ob seiner Rückständigkeit mittelalterlich dünkende Land –; in Bayern, von dem die Lobredner sagen, es gäbe außerhalb seiner Grenzen kein Leben, während die hämisch gesinnten Tadler behaupten, das Land – und die Hauptstadt voran – hätte sich nur dreimal so recht von Herzen, erregt: über die Tänzerin Lola Montez und ihre Verschwendungslust, über den Komponisten Richard Wagner und sein aus Bayerns Mitteln bezahltes Jahresgehalt und über die Kommunisten und deren pure Existenz ("etwas andres, Ideen, leidenschaftliche Dinge, haben dort die Menschen nicht in Bewegung gesetzt", hieß es anno 1922 in der Weltbühne – gerade so, als hätte es nie eine von Literaten geführte Revolution in München gegeben)... in Bayern also gingen die Uhren auch am Wahltag anders als im übrigen Land: nicht nur des permanenten Triumphs der regierenden Staatspartei und nicht nur der verspäteten Hochrechnungen wegen, sondern aus noch erstaunlicherem Grund: In Bayern, konnte der Bildschirmbetrachter am Abend des 15. Oktober bemerken, gibt es unter den Politikern noch Standesherren und regierende Fürsten. Denn so salbungsvoll und getragen wie an diesem Fernsehtag wurde von Ministern noch nie die Bürde des Regierens beschworen, aus solchen Höhen seit Jahr und Tag nicht das sogenannte Volk (und nicht etwa die Wähler) angesprochen – und, dies vor allem, so herablassend denn doch nicht Journalisten behandelt.

Als sei er Gottvater in Person, kanzelte der designierte Landesherr die (den Politikern aus Bayern, nehmt Josef Ertl aus, an Witz, Schlagfertigkeit und Formulierungskunst weit überlegenen) Journalisten ab: Wie jener schwarze Rauch fuhr er ins Studio, den man Minuten später, unfreundlich blakend, dem Vatikan entströmen sah.

Der hohe Herr und das befragte Geschmeiß: ein Theaterstück aus Duodez-Zeiten schien da gegeben zu werden – und der große Friedrich hätte sich in allen seinen Animositäten gegen bayrische Art und Sitte bestätigt gesehen. Parlierte Alfons Goppel noch, väterlich und abgeklärt ("vier Jahre sind vier Jahre" sagte er, und die Menge um ihn herum hörte es staunend), so schwang sein. Nachfolger den hölzernen Knüppel: "Fragen’s mich doch über Dinge, die’n Sinn haben", herrschte er einen Gesprächspartner an, und einem anderen wurde bedeutet, er möge die Straußschen Äußerungen gefälligst ein bißchen genauer studieren ("Sie hatten offensichtlich keine Zeit", meinte der Herr Lehrer aus Bayern), schließlich, könne es niemandem schaden, goldene Worte zu lernen ("meine Rede war eindrucksvoll") und demjenigen aufmerksam zu lauschen, der am Wahlabend nicht müde wurde, die Distanz zwischen sich und dem übrigen Volk zu betonen: "Alle reden von der Vierten Partei – i net!"

Armes geduldiges Volk, arme Journalisten (warum wohl eigentlich gibt niemand einmal mit gleicher Münze heraus?). Und vor allem, arme dritte Partei: die FDP, beschied Strauß sein Publizistengesindel, interessiere ihn (ihn, wohlgemerkt) nur am Rande; und was das Abschneiden der Demokraten anginge, so handele es sich um einen Vorgang von begrenzter Bedeutung. Und so weiter und so fort: Der bajuwarische Serenissimus hielt hof: halb Fürst, halb wilhelminischer Volksschullehrer aus weiß-blauer Provinz, der ringsum seine Noten verteilt – die Herren von der Publizistik bedankten sich für das Gespräch, der Betrachter am Bildschirm bedankte sich auch.

Momos