Von Manfred Sack

Die Versuchung ist groß zu prahlen, die Zeitungen könnten eine Monatsrubrik einrichten für "das neue Berliner Bilderbuch". Das ist natürlich übertrieben, wenn es auch viele (neue) solcher Bücher gibt. Und auf einmal ist eins darunter, das die Sortimenter nicht beschwert, sondern erheitert trotz der vielen traurig-schwärzlichen Bilder, die es enthält. Nach sechs Wochen, so kann man hören, sei die erste Auflage vergriffen gewesen; die zweite wird zur Frankfurter Buchmesse vorliegen. So ist die Neugierde groß auf die Besonderungen des Bandes – ein Wort, das man darin findet:

Renate von Mangoldt: "Berlin – Übern Damm und durch die Dörfer", mit zwölf Essays von Walter Höllerer; Literarisches Colloquium, Berlin, 1978; 420 S.,382 Abb., 42,– DM.

Das Wort spielt in diesem dicken Buch eine wichtige Rolle – und am Ende sind die zwölf Essays das, was man sich bewahren möchte: zwölf Feuilletons von maßvoller Länge, in der Auswahl des Mitgeteilten und Gedachten so konsequent inkonsequent, wie sich ihrem Autor Walter Höllerer Berlin zeigt, "konsequent mit Inkonsequenzen durchsetzt". Eine Beobachtung jedenfalls, die ihm ein schlechtes Gewissen erspart beim Zwang zur Kürze, aber auch zur Prägnanz der Bilder, die er ja neben den Photographien entwirft – und ein ganz anderes Bild als das schwarz-weiß vor Augen geführte.

Mich hat seine Auswahl von Mitteilungen über Berlin und (lebendige und tote, meist Literatur-) Berliner, mit denen er seine Anmerkungen über die zwölf (West-)Berliner Bezirke ausstattet, zuerst in ihrer sprunghaften Subjektivität kribbelig gemacht; jetzt fange ich an, die Treffsicherheit des Zufälligen zu ahnen und Vergnügen daran zu haben.

Nicht, daß alles ganz rein wäre. Höllerer macht es sich bisweilen zu bequem; er verbraucht Unmengen von Gedankenstrichen, nimmt von gleichen Wörtern eher das künstliche ("erstmalig"), fällt auch mal in falsches Deutsch (der "ungeschulte Versuch", und ganz gewiß flogen die Berliner nicht von Tempelhof ab, um "von oben her die Fabriken einzusehen" oder "um schließlich im Tiefflug über den Filmstudiodächern" heimzukehren, sie hatten ganz andere Gründe). Und in Rixdorf ist auch nicht "Musicke", sondern "Musieke".

Doch die Sprache hat einen schwingenden Fluß, rhythmisiert durch allerlei Engen, Kurven, Untiefen. Höllerer verbreitet eine leutselige Stimmung und duzt seinen Leser. Es klänge ja auch komisch, wenn der Autor geschrieben hätte, etwas "greift Ihnen in die Poren, und unters Hemd und faßt Ihnen ins Gehirn", statt Dir. Natürlich bemerkt man auch die in Koketterie versteckte Eitelkeit. Er weist auf seine Adresse hin und zeigt sich auf Familienphotos: Höllerers am Schloß Bellevue, Höllerers mit Grassens am Schloß Tegel, und leider sind es schlechte Photos. Auf Seite 119 sagt man immerhin interessiert: Aha, so sieht also die Photographin aus, wenn sie lacht. Wenn man ihre Bilder anschaut, stellt man sie sich eher traurig vor, verbiestert, resigniert. Man fragt aber auch, ob sie sich nicht zuviel zugetraut habe.