Von w. Martin Lüdke

Es ist diese eigentümliche Mischung von Sinnlosigkeit und Hoffnung, die (je)der kennt, der während des Krieges geboren, nach dem Kriege aufgewachsen ist, Ende der fünfziger Jahre, Anfang der sechziger seine Jugend erlebt, seine ersten Erfahrungen mit Mädchen gemacht hat; an den Straßenecken herumstand, auf den Plätzen, wo man die anderen traf, die man kannte, weil sie so waren wie man selber; wo man wartete, daß die Zeit verging, darauf wartete, daß man älter wurde, und anders, anders als die Älteren, die Eltern, waren; und – genau so war es – sonntags ins Kino gegangen ist.

"So standen sie hier herum, der Feierabend begann zu zerfallen, ein Frösteln im Herbst, ihre Körper waren noch den Sommer gewöhnt, Kühle schob sich klamm zwischen sie und ihre Kleider, sie zogen das Genick ein, drückten die Schulterblätter zusammen." Sie – das sind Riko, Dieter, Muff, Dotz und Peter, den sie den Jagdflieger nennen, weil er davon träumt, einmal Pilot zu werden, so wie Dieter hofft, einmal in die Fußballnationalmannschaft zu kommen. Sie – das – ist eineGruppe von Lehrlingen, die sich Abend für Abend am Platz trifft, ohne daß es einer Verabredung bedarf, die herumsteht, in die "Stechuhr", ihre Stammkneipe, einen Tanzkeller, zieht, auseinanderläuft und am nächsten, am übernächsten Abend wieder zusammenkommt. Und das Porträt dieser Gruppe, ein Bild jener Jahre, das ist, was den ersten Roman von –

Jürgen Theobaldy: "Sonntags Kino", Roman; Rotbuch Verlag, Berlin 1978; 155 S., 10,–DM

ausmacht. Jürgen Theobaldy ist, 1944 in Straßburg geboren, in Mannheim aufgewachsen, hat dort eine kaufmännische Lehre absolviert und ist bislang als Lyriker (und mit einigen Aufsätzen zur neueren Lyrik) hervorgetreten. "Sperrsitz" (1973), "Blaue Flecken" (1974) und "Zweiter Klasse" (1976), Alltagslyrik, deutlich von der Studentenbewegung geprägt, von politischen Erfahrungen also und der Hilflosigkeit, mit ihnen dort, wo es darauf ankommt, umzugehen: im tagtäglichen Leben.

Nun scheint Theobaldy seinen erzählerischen Mitteln und Fähigkeiten so recht nicht vertraut zu haben, denn dem Roman ist ein Gedicht vorangestellt. Darin heißt es, unter anderem; "In diesen Tagen hatten sie nichts / Bestimmtes vor, keiner von ihnen. / Sie wollten nicht älter sein, / und sie wollten nicht jünger sein. / Aber so wie sie waren, abends am Platz, / an den Zaun gelehnt, so wollten sie / schon gar nicht sein. (...)" Es endet mit den Versen: "Ein Pulk / unter der Straßenlampe, der sich / allmählich verlief, in spätere Jahre, / ohne Begründung."

Das Gedicht kondensiert die Stimmung, die in dem Roman erzählend entfaltet wird, ohne daß etwas Wesentliches hinzukäme. Trotzdem ist der Roman (nicht nur quantitativ) mehr: Denn es gelingt Theobaldy ein authentisches Bild der Bilder zu vermitteln, die für die Jugendlichen einmal "Wirklichkeit" waren. Schwer vorstellbar, daß ein Leser, der zu der Generation gehört, deren (verblaßte) Erinnerung von Theobaldy belebt wird, das Buch unberührt zur Seite legt.