Von Christine‘Nöstlinger

Vor einem Vierteljahrhundert hat man gegen die Pippi Langstrumpf gewettert. Liederlich und verderblich fürs Kindergemüt hat man sie geschimpft. Vor 15 Jahren dann – ungefähr – hat sich diese Meinunggeändert. Voll des Lobes war man plötzlich: Frau Lindgren verschafft der Phantastik im Kinderbuch Geltung und bringt einen unprätentiösen Ton in die Kinderliteratur! Nun fast 30 Jahre nach der Erstausgabe der Pippi Langstrumpf – hat man wieder Bedenken: Nun ist man darauf gekommen, daß Phantasie, wie sie Astrid Lindgren produziert, eher zur Stabilisierung des Bestehenden beiträgt als zur Veränderung, daß der "frische Wind", den Frau Lindgren in die Kinderliteratur gebracht hat, halt auch nur eine "bürgerlich bestimmbare Reichweite" hat.

Die "kindertümlich befaßten Personen" lernen eben nie aus. Und sind – schön flexibel – immer in der Lage, sich dem Trend anzupassen. Zieht die "heile Kinderwelt" nicht mehr, verlangen sie "Phantasie", kommt die Phantasie in den Geruch der "Fluchttendenz", fordern sie "Lebenshilfe zur Bewältigung der Realität";

Nach einem Dutzend von Jahren, die ich intensiv mit Kinderliteratur verbracht habe, kriege ich Magenkrämpfe, wenn Leute, die weder Kinder sind noch literarische Interessen haben, andauernd Kinderliteratur beurteilen und sie zu einem "pädagogischen Hilfsmittel" degradieren.

Ich weigere mich, Kinderliteratur nach anderen Maßstäben zu messen als Literatur für Erwachsene. (Wenn man Kindern den "Michl in der Suppenschüssel" entziehen soll, weil darin zu viel "heile Welt" vorkommt und nur nach "individuellen Lösungen" gesucht wird, dann möge man auch den Erwachsenen, bitte, den Adalbert Stifter entziehen.) Und ich weigere mich auch, beim Kinderbuchlesen dauernd an die Zielgruppe zu denken, die der Autor angeblich angeschrieben hat. Wie Kinder lesen, was – zum Beispiel – bei der Rezeption des "Karlsson vom Dach" in ihnen vorgeht, weiß ohnehin kein Erwachsener; auch wenn die "Kindertümlichen" das Gegenteil behaupten.

Wenn ich Kinderbücher lese, will ich meinen Spaß an ihnen haben, auch meine Traurigkeit, meine Empörung und – wenn möglich – ein paar neue Erkenntnisse. (Die können in Kinderbüchern durchaus drin sein.)

Astrid Lindgren hat mich als Leser lange Zeit zufriedengestellt. Es gibt keine Kinderbuchfigur, die ich so liebe, wie den gefräßigen, selbstherrlichen, eigenwilligen, gerade richtig dicken Mann in seinen besten Jahren; den besten Ausdenker der Welt, den besten Dampfmaschinenaufpasser der Welt, den besten Tortenesser der Welt: den Karlsson vom Dach.