Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

Im Grunde sieht Friedrich Zimmermann, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Bundestag, überhaupt keine Probleme, die der Wechsel von Franz Josef Strauß nach München aufwerfen könnte. Allenfalls läßt er gelten, daß man fortan ohne einen blendenden Redner und Debatter auskommen müsse. Doch von diesem Verlust fühlt sich nicht nur die christlich-soziale Mannschaft in Bonn, sondern in Abstufungen, je nach der politischen Nähe oder Ferne zu dem Abgewanderten, das ganze Parlament betroffen. Sonst aber, so Zimmermann, bleibe alles beim alten.

Auf den ersten Blick will das nicht so recht einleuchten. Ohne Strauß – darauf hat sich Bonn schon lange eingestellt, nach dem ausgedehnten und zögernden Abschied des Bayern von der Bundeskapitale. Doch die Landesgruppe ohne Strauß – da erscheint das parlamentarische Aufgebot der CSU nur noch wie ein Torso. Muß es ohne seinen Mentor und Motor Strauß nicht zur Bedeutungslosigkeit zusammensinken?

Aber Zimmermann hat ziemlich recht: nichts wäre falscher als ein solcher Eindruck. Paradoxerweise war es gerade Strauß, der ihn hervorrief. Gewiß war und ist er die alles beherrschende Figur. Aber seine dominierende Rolle hat andererseits immer wieder den Blick darauf verstellt, daß die Landesgruppe auch ohne seine unmittelbare Anwesenheit zurechtkommen kann – wie sie es immer getan hat.

Natürlich gibt es auf die Frage, wer den wortgewaltigen Rhetor Strauß ersetzen könnte, keine Antwort, weil er sich nicht ersetzen läßt, auch nicht durch den scharfzüngigen Zimmermann. Aber gerade das Rede-Beispiel zeigt, daß es den Bundestagsabgeordneten Strauß, genau genommen, kaum noch gegeben hat. Die Parlamentsarbeit hat meistens ohne ihn stattgefunden, im großen und erst recht im kleinen. Im Bundestagsplenum ist er, übers Jahr gerechnet, immer nur drei- oder viermal aufgetreten, in der Regel bei den Debatten über den Haushalt und den Wirtschaftsbericht, aber schon selten bei den außenpolitischen Bataillen. Freilich, wenn er redete, dann für gewöhnlich in Breitwand und mit Breitseiten. Seine parlamentarische Rolle erscheint viel größer als es die Statistik hergibt.

Ähnlich ist es bei der Landesgruppe. Auch hier lassen sich, wiederum übers Jahr gerechnet, die Sitzungen, an denen Strauß teilgenommen hat, fast an den Fingern einer Hand abzählen. Stets sind die CSU-Abgeordneten dankbar gewesen, wenn sich Strauß bei ihnen niederließ und die großen politischen Linien aufzeigte. Das war Wegweisung für die Wochen und Monate, in denen er im Ausland, sonstwo auf Reisen oder einfach nicht in Bonn war, und wenn dort, dann nicht bei den Seinen.