In einer Schweizer Zeitschrift, "Heft" betitelt, sehe ich zwei Photos von massigen Gebirgsbrocken, darunter heißt es: "Anleitung, diese beiden Felsnasen/Gesteinsformationen-Granitbrocken auf nachfolgend beschriebener Route aufzusuchen/aufzufinden/ wiederzufinden ...", es folgen 29 Zeilen exaktester Wegbeschreibung, nach der jeder kartenlesende Tourist ans Ziel gelangen muß, und dann die Aufforderung: "Wenn Sie den beiden Steinen begegnet sind, schreiben Sie an Bodo Hell, Alserstraße 47/36, A-1080 Wien, Österreich."

Dieser Text ist ein Beitrag zur phykosylomanischen Literatur, und der Autor, ein ausgepichter Phykosylomane, unternimmt mit Hilfe der Phykosylomanie Ausflüge in hochtouristische Zusammenhänge des Gehens und des Denkens. (Phykosylomanie definiert Hell, nach dem griechischen Wort für Alge – "phyko-" – als Algenkunde; "da die Algen mit den Flechten verwandt sind, spielt auch die sogenannte Landkartenflechte eine wesentliche Rolle...")

Schon Rousseau konnte nicht denken, wenn er auf der Stelle stand. Hell, 1943 in Salzburg geboren, vertritt mit alpinem Nachdruck das meditative Bergsteigen und lockt groß und klein mit phykosylomanischer Akribie ins Hochgebirge. Das geschieht vor allem in drei Bergerzählungen, die sich von der konventionellen Gebirgsliteratur radikal unterscheiden –

Bodo Hell: "Dom Mischabel Hochjoch" – Drei Bergerzählungen; edition neue texte, Linz, 1977; 106 S., 14,– DM.

Was geht hier vor? Bodo Hell unternimmt in seinen Geschichten, deren Titel Namen von Bergen sind, grammatikalische Auf- und Abstiege, die als sprachliche Abbilder zugleich den tatsächlichen Vorgang demonstrieren. An einer Stelle heißt es: "Eines greift ins andere, unsere Bewegung, lauter lachende Gesichter, der große Aufschwung, die Arbeiter- und Bauernkorrespondenten, die aktuellen Kämpfe, es geschieht etwas, es geht glatt, die Griffe sind fest, man kommt vorwärts, kein Fehltritt, die kleinen Schritte, in gleichmäßigem Rhythmus." Das ist zugleich die Beschreibung des Steigens und des Schreibens der Beschreibung dieses Steigens, fast atemlos, jedenfalls ohne Punkte, transitorisch im doppelten Sinne.

Der erste Text besteht nur aus Fragesätzen. Eine Frage ruft die nächste hervor. Es scheint so, als finge jemand, der einen Berg besteigt – nachdenkt alle Unwägbarkeiten seines Steigens befragt hat an; die ganze Welt nach ihren Paradoxien zu befragen.

Der zweite Text besteht aus Aussagesätzen, subjektlos, aber immer mit dem Verb beginnend, wodurch die Akribie der Tätigkeiten, die Einzelhaftigkeit des bewußten Nacheinander deutlich wird. Aber die parataktischen Gruppierungen begünstigen eine Gleichförmigkeit in der Sprache, die rasch ihre Spannung zu verlieren droht. Die Sprache bewegt sich in Nagelschuhen, sie übersteigt die Pässe, es kommt nicht zu dialektischen Räuschen, es sind eher "parallele Reize", wie Friederike Mayröcker in ihrem Nachwort sagt, "eine Alpenüberquerung im Kopf". Bodo Hell ist kein Luftkutscher, es findet ein stetiges Schreiten, kein Fliegen und kein Hüpfen, in Wörtern statt, ein beharrliches Neben- und Voreinandersetzen, eine Literatur der kleinen Schritte.