Von Karin Huffzky

Ein anständiges Mädchen hat einen Kopf und zwei Hände und sonst nichts." (Tilla Durieux: "Meine ersten 90 Jahre – Erinnerung", 1971.) Ein unanständiges Mädchen hat. Triebe, das sind die "schwarzen Flecke" in der Seele. Die schwarzen Flecke in der Seele sind die ererbten, "gesammelten Leidenschaf ten aller Tanten und Großmütter und die ganz schlimmen Verfehlungslisten aller Lebe-Onkels und Ahnen in aufsteigender Linie. Diese "ganz Erschreckende Dosis von bösen Trieben zerstört die "besten Grundsätze"‚ wenn diese nicht eisern gefestigt sind. Aber selbst "durch Erziehung und Umgang" können die Triebe nicht ganz "ausgerottet", wenigstens doch in "unangenehme Empfindungen umgesetzt werden". (Heinz Zikel: "Das Sexualleben der Frauen – Handbuch der Geschlechtslehre und Gefühlshygiene für Frauen und Erzieher", 1918.)

Erste Schlußfolgerung: Da jedes normale Kind außer einem Kopf und zwei Händen auch Triebe erbt, ist es, wenn Mädchen, "ja bereits im Mutterleibe" (Zikel) grundsätzlich unanständig. Ziel der Abrichtung, die sich "Erziehung und Umgang" nennt: nur eine Frau ohne Sexualität ist eine anständige Frau. Schon Schopenhauer unterstellte, Frauen seien unfähig, geistige Leistungen zu zeigen, weil sie nichts zu sublimieren, also keine Sexualität hätten.

Zweite Schlußfolgerung: Nur eine Frau, die keine geistigen Leistungen zu vollbringen vermag, ist eine anständige Frau. Nun will aber ein mittelständisches Mädchen um die Jahrhundertwende Lehrerin werden. Sagt es dem Vater, und der reagiert anständig, weil feindselig: "Lehrerin! daß i net lacht Die soll heiraten, Weib sein!..

Das Weib ist eben Weib. Wenn’s net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man’s totschlagen." (Text von 1918)

"Texte aus dem Gefängnis des Patriarchats" sind Inhalt dieses ungewöhnlichen Buches –

Marie-Luise Könneker: "Mädchenjahre – Ihre Geschichte in Bildern und Texten"; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1978; 372 S., 36,– DM.