Es war einmal ein kleines Mädchen", so fängt die mit Unglücken beladene Geschichte an, "das hieß Charlotte Sophia. Charlotte Sophia hatte gute und reiche Eltern. Sie hatte eine Puppe, die hieß Hortense. Eines Tages wurde ihr Vater, welcher ein Oberst in der Armee war, nach Afrika abkommandiert. Einige Monate später kam die Nachricht, daß er in einem Eingeborenenaufstand den Tod gefunden habe." Die Mutter stirbt darüber aus Gram, dem Onkel zertrümmerte ein Stein das Gehirn, im Pensionat wird Charlotte Sophia gequält, sie entflieht, wird beraubt, von einem Unbekannten mitgenommen, mißhandelt, dabei halb blind, schließlich vom lotgeglaubten, sein Töchterchen suchenden Vater mit dem Automobil angefahren, jedoch: "Es hatte sich so verändert, daß er es nicht erkannte."

Eine schöne schreckliche Geschichte von der Art, wie sie keiner besser als Edward Gorey zu erfinden vermag; dank dem Diogenes-Verlag ist sie auch bei uns zu bescheidener Popularität gelangt – beileibe nicht allein der gruseligen Ereignisse, sondern der Zeichnungen wegen. Dafür bat sie der gern für einen Engländer gehaltene Amerikaner eigentlich erfunden. So ist es im ersten Augenblick ein wenig seltsam zu wissen, daß Michael Mantler, einer der entdeckungsfreudigsten Jazzmusiker in den USA, diese und fünf andere unheimliche, irrsinnige, mystische Geschichten von Gorey vertont, freier formuliert: sie als Vorlage für seine manchmal weit vom Jazz weg-, manchmal dicht am Jazz vorbeiführenden musikalischen Ausflüge verwendet hat: ‚The Hapless Child And Other Inscrutable Stories" (WATT 4, ECM Records, München, 1978).

Auf nicht weniger war sein Ehrgeiz gerichtet, als die Zeichnungen Goreys durch Musik zu ersetzen. Wäre der aus Wien stammende Mantler eine einfache Musikanten-Natur, hätte er womöglich eine deftig illustrierende, seelenmalerische Programmusik erfunden. Er hat statt dessen versucht, den Stimmungsgehalt andeutungsweise und eher abstrakt in Musik umzuwandeln. Er hat dafür eine Gruppe ebenso sensibler wie versierter Jazzmusiker mit sehr persönlichen Musizierstilen um sich geschart: die Pianistin Carla Bley, den Bassisten Steve Swallow, den Gitarristen Terje Rypdal, den Schlagzeuger Jack De Johnette und Robert Wyatt, für den, sagen wir, gesprochenen Gesang. Sie machen zusammen eine eigenartige, in weitesten Sinne als Jazz zu umschreibende, zauberische Musik, die den Geschichten vom "unheimlichen Gast", vom "unglückseligen Kind", vom "sicheren Beweis" und drei anderen außerordentlich nahe kommt.

Verglichen damit hat Michael Mantler auf einer anderen Schallplatte den Jazz verlassen und sich in die allgemeinere Sparte der zeitgenössischen ernsten, nun umgekehrt mit Jazz durchsetzten Musik begeben – ganz offenbar, weil es das Sujet ihm nahelegte: Samuel Beckett. Grundlage für "No Answer" (WATT 2, EMC Records, München, 1978) sind zwei Textstellen aus dem zweiten großen Roman des Iren "Wie es ist" ("Comment c’est" oder "How it is"). Mantler hat die Struktur der "Handlung" auf eine geradezu kongeniale Weise in seiner musikalischen Version aufgenommen: die Beobachtung eines Einsamen, daß es andere Einsame gibt; der Versuch, die Einsamkeit zu überwinden, indem einer den anderen – der "Namenlose" und "Pim", ein kleiner alter Mann, auf den der Namenlose trifft – plagt, um ihn zum Reden zu bringen; die Erfahrung, daß Quälender und Gequälter gewöhnlich ihre Rollen tauschen. So wechseln in dieser bisweilen jazzartigen, immer bedrängenden, außergewöhnlich expressiven Musik monologische mit responsorischen "Sätzen" ab, in den der eine redet und der andere mit seiner Stimme oder der eines Chores antwortet.

Das Trio – mit Jack Bruce (Stimmen, Baßgitarre), Carla Bley (verschiedene Tasteninstrumente) und Don Cherry (Trompete) – bringt dabei erstaunlich dichte, phantasievoll instrumentierte und instrumental gewandt dargestellte musikalische Szenen zustande, die den aufnahmetechnischen Aufwand ganz vergessen machen.

Die dritte Schallplatte dieser ungewöhnlichen Jazz-Serie ist von Carla Bley, der wohl bekanntesten amerikanischen Jazzkomponistin und -pianistin: "Tropic Appetites" (WATT 1, ECM Records, München, 1978). Vorlage dieser auf wiederum gänzlich andere Weise aus dem Rahmen fallenden "tropischen Triebe" sind acht Gedichte des amerikanischen Schriftstellers Paul Haines, mit dem die Komponisten schon einmal eine "Jazz-Oper" verfaßt hat, ziemlich ulkige absurde Gedankensprünge. Sie haben die Phantasie der sieben Musiker, die Carla Bley hier um sich versammelt hat, offensichtlich auf Trab gebracht und zu erstaunlichen Klang- und Improvisations-Operationen ermuntert. Im Gegensatz zu den beiden anderen Schallplatten nehmen sie hier auch Gelgenheit zu ausgedehnten Jazz-Exkursionen, bei denen sie das folkloristisch eingefärbte "Tropische" verlassen dürfen.

Es gibt bedächtig-geheimnisvolle Zwischenspiele, Zwiegespräche, Instrumentalgesänge, Saxophongeschrei, ein paar Takte à la Weill und Jahrmarktsblasmusik, auch lautmalerische Aperçus. Es hört sich poetisch und phantastisch an, sanft, geheimnisvoll und irr. Selbst in die seltsame Gedankenwelt dieser Gedichte tastet man sich allmählich hinein: "Diese Sonne ist so heiß / In Indien / Die meisten Gebäude sind geschlossen / Alle Hütten in Flammen / Der eine Vogel / lebendig des Nachmittags / Milchig Süß gefärbt / Trägt verdutzte heiße Augen / Und einen ausgehöhlten Vanille-Kopf / Singt in seiner schäumenden Luft / Etliche Noten / Alle Viertelstunden". Carla Bley singt es mit schöner Stimme. Manfred Sack