Von Helmut Schödel

Plötzlich nahm Handke alles zurück. Was vorher schon lange von Zweifeln bedroht, zu keiner Gewißheit mehr hinzureichen schien, erblaßte am Ende zu einem Meta-Roman. Des blinden Gregor Benedikt Geschichte verlief so, wie eine andere Geschichte schon verlaufen war. Er hatte ein ganzes Buch hindurch versucht, sich an ein Buch zu erinnern wie an sein Leben (oder an sein Leben wie an ein Buch). Erst das Aussetzen dieser Erinnerung wäre der Anfang eines Romans gewesen. Doch als die Erinnerung aussetzte, war der Roman zu Ende. Peter Handkes 1966 erschienener Erstlingsroman "Die Hornissen" endet mit einem Kapitel, das heißt: Das Aussetzen der Erinnerung.

Das Einsetzen einer solchen Erinnerung (und die plötzliche Zurücknahme zu einem Meta-Roman) hat ein anderes Buch noch fundamentaler bedroht. In Helmut Eisendles 1977 erschienenem Roman "Exil oder Der braune Salon" erkennt einer der vier fortwährend billardspielenden und dabei ausschweifend diskutierenden Herren etwa in der Mitte des Buches die eigene Situation als eine Romansituation: "Vor einigen Wochen habe ich ein Buch gelesen, in dem vier Personen in einem Billardsalon, ähnlich wie wir hier, reden, plaudern, nichts anderes tun, als sich zu unterhalten, phantasieren, trinken und spielen. Wie heißt das Buch, es kommt mir bekannt vor, fragt Staudenmaier." Antwort: "Exil oder Der braune Salon, glaube ich, den Namen des Autors habe ich vergessen." Danach versuchen die vier Billardspieler den Roman, in den sie geraten sind, wieder zu verdrängen.

Als Heinrich von Ofterdingen bei Novalis das Buch seines Lebens (seinen Roman) fand, "gefiel (es) ihm vorzüglich, ohne daß er eine Silbe davon verstand". Eisendles Billardspieler versuchen, sich aus ihrem Fund herauszureden und rennen dabei (wie der Unternehmer Quitt in Handkes "Die Unvernünftigen sterben aus") immer wieder mit dem Kopf wie gegen eine Wand, die der verdrängte Roman errichtet hat und die Sprache, aus der er besteht. Sie können nicht mehr aufhören, sich an das zu erinnern, was sie zu verdrängen versuchten. Eben, als Eisendle das Mitschreiben ihrer. Gespräche beendet, beschließen die vier Herren im Billardsalon weiterzureden. Wir "müssen konkret über bestimmte Dinge sprechen, Otto, wirft Kraus ein. Gut, antwortet Weininger, sprechen wir darüber." Ein Buch ist zu Ende, der Roman geht weiter, kein Aussetzen der Erinnerung befreit seine sprachnervösen, redebesessenen Protagonisten.

Zwei andere Herren, deren Exil auch die Sprache ist, sind nur ein Jahr älter als Otto Weininger, Ludwig Staudenmaier, Rudolf Kaßner und Friedrich Kraus, Eisendles Billardspieler: Schubert und Estes treffen sich in Eisendles 1976 erschienenem Roman "Jenseits der Vernunft oder Gespräche über den menschlichen Verstand" an der spanischen Küste, irgendwo in der Nähe von Valencia, und reden, reden, reden ein ganzes Buch hindurch. Vor der Pathologie des Rede-Marathons, der Krankheit des Romans warnt Eisendle in seinem Vorwort: "Der Text hat keine Handlung, nichts, an das man sich halten kann, keine Aktionen außer Belanglosigkeiten, kein Ziel außer dem unklaren Vorwurf gegen alle und alles, was in ursächlichem Zusammenhang zu diesem Zustand steht... nichts ist in ihm mehr möglich, alles bleibt in der Sprache, hoffnungslos im Wort, an den pathologischen Möglichkeiten des Denkens hängen. Nichts Konkretes folgt. Nur Gedanken, Wortfetzen, Erinnerungen an Menschen, an eigene Reaktionen, Verhaltensweisen, Ängste und Zustände, denen man unterworfen war und unterworfen ist." Kurz vor dem Ende des Romans kehrt Schubert nach Hause und in den Alltag zurück, sitzt Estes vor seinem Schreibtisch, blickt aus dem Fenster, denkt an die vergangenen Tage, spannte einen Bogen Papier in seine Schreibmaschine und beginnt zu schreiben: "Der Text hat keine Handlung, nichts, an das man sich halten kann, keine Aktionen außer Belanglosigkeiten, kein Ziel..."

Wim Wenders hatte in dem Film "Im Lauf der Zeit" seinen von Provinzkino zu Provinzkino fahrenden Movieman ein kurzgeschlossenes, sich ständig wiederholendes Filmstückchen erleben lassen. Kaum war die Sequenz zu Ende, hatte sie von neuem, begonnen. Auch Eisendles Roman fängt am Ende wieder von vorne an und am neuerlichen Ende wieder und wieder und wieder. Die Gespräche, die Wortgefechte von Schubert und Estes: ein endlos sich wiederholender Roman, ein Roman über eine Vokabel, die Solipsismus heißt.

Solche literarischen Tricks sind poetologische Korrekturen, die den Roman erst sichtbar machen sollen wie die Verpackung von Christo ein Bauwerk. "Korrektur" heißt auch ein vor drei Jahren erschienener, von seinen Interpreten als Wittgenstein-Roman verstandener, längerer Prosatext von Thomas Bernhard. In ihm sichtet und ordnet ein Erzähler die Schriften seines aus dem österreichischen Dorf Altensam stammenden und nach dem Bau eines Wohnkegels durch Selbstmord aus dem Leben gegangenen Freundes Roithamer, der eine wichtige Studie verfaßt hatte: "Die Studie über Altensam und alles, das mit Altensam zusammenhängt, was ihm Altensam gewesen war, unter besonderer Berücksichtigung der Planung und Ausführung und Vollendung des Kegels für seine Schwester, hatte er, indem er durch totale Korrektur, so er selbst, ihren Sinn in sein Gegenteil verkehrte, vollendet. Tatsächlich ist die Studie dadurch, daß Roithamer den Sinn seiner Studie in einem infamen Korrekturprozeß in sein Gegenteil verkehrt hat, die Studie erst zur vollendeten Studie geworden." Auch Eisendle ordnet und sichtet (wie Bernhards Erzähler Roithamers Schriften) Gedanken, Sprachfetzen, Erinnerungen zu einem diskursiven "Unterhaltungsroman" (so der Untertitel von "Exil"), der all das problematisiert, was er sich vorgenommen hat zu sein: ein Unterhaltungsroman mit Gesprächen über, Statements zu, Weisheiten von. Nach Eisendles Korrektur bleibt von alledem kaum etwas übrig: "Die Sprache bildet nur die Sprache ab." Und der Roman nur den Roman. Am Ende ist er zwar nicht sein Gegenteil geworden, aber etwas wie bloß eine Photokopie seiner selbst.