Mit jedem neuen Kursrekord wächst in den deutschen Börsensälen die Nervosität. Praktisch geht es am Aktienmarkt seit Mai ununterbrochen aufwärts. Müßte nun nicht endlich eine kräftige Reaktion fällig sein? Am Dienstag, als der Dollar einen neuen Tiefststand erreichte, als die Kurse an der New Yorker Börse vorher gepurzelt waren und sich herausstellte, daß mit der Miniaufwertung der Mark gegenüber den Valuten der kleinen Währungsschlange die Währungsunruhe keineswegs behoben war, gab es erstmals seit längerer Zeit fühlbare Rückschläge.

Die Verkäufe kamen nicht überraschend, denn es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis die in den letzten Tagen sprunghaft angewachsenen Kursgewinne realisiert werden würden. Daß dies besonders in den sogenannten "China-Werten" derFall war, war vorhersehbar. Denn wieder war die Börse weit über das Ziel hinausgeschossen. Ehe sich die winkenden China-Aufträge in den Ertragsrechnungen der in Frage kommenden Unternehmungen niederschlagen werden, dürfte noch eine lange Zeit vergehen. Aber in Hausse-Zeiten sieht man eben in jeder "guten" Nachricht eine Bestätigung für die Richtigkeit bisher getroffener Dispositionen.

Was diesmal etwas bedenklich stimmt, ist das Verhalten der Ausländer. Bisher nahmen sie in voraussehbarer Regelmäßigkeit jede internationale Währungsunruhe zum Anlaß, ihre Effektenbestände in der Bundesrepublik aufzustocken. Auf diese Weise verdienten sie gleich zweimal. Erstens an den Kursen der Aktien und Renten, und zweitens am steigenden Wert der Mark. Zwar ist auch in den letzten Tagen wieder viel Auslandsgeld in die Bundesrepublik geflossen, aber nur wenig davon auf den Wertpapiermärkten gelandet.

Das bekam besonders der Rentenmarkt zu spüren, der tendenziell eher zur Schwäche neigte. Die neue Hessen-Anleihe (Börner-Fonds, wie sie in den Börsensälen genannt wird) stößt auf wenig Gegenliebe. Ihre Konditionen gelten nicht mehr als marktgerecht. Nachfrage besteht im wesentlichen nur für Emissionen mit höchstens vierjährigen Laufzeiten. Und sie kommt hauptsächlich aus dem Bereich der Kreditinstitute. Wegen der für die Zukunft ungewissen Zinsentwicklung wagt sich niemand länger zu binden. Schon im kommenden Jahr könnten die Zinsen anziehen, falls nämlich der Rekordkreditbedarf der Öffentlichen Hände mit dem wachsenden Mittelbedarf einer sich belebenden Wirtschaft zusammentrifft. Dann werden jene. Unternehmen, die zur: Zeit noch Milliarden-Beträge auf dem Rentenmarkt angelegt haben, ihre Gelder dort vermindern und außerdem ihre Kredite aufstocken. Prognosen, die nur den Nettokreditbedarf berücksichtigen, die also davon ausgehen, daß Tilgungsbeträge automatisch wieder auf dem Kapitalmarkt angelegt werden, dürften schon im kommenden Jahr revidiert werden müssen.

Ein verändertes Zinsklima wird nach einem gewissen zeitlichen Abstand auch Auswirkungen auf die Aktientendenz haben. Das bekommen jetzt die Amerikaner zu spüren. In Wall Street greift die Unsicherheit um sich. Steigende Zinsen, wachsende Inflationsraten und eine sich abzeichnender Konjunkturerlahmung sind kein Klima für eine freundliche Aktientendenz. Das hat man dort lange Zeit nicht wahrhaben wollen.

Aber – darauf machen die deutschen Haussiers aufmerksam – es hat lange gedauert, ehe die Bremsen wirksam geworden sind. Und damit rechnen sie auch bei den deutschen Aktien. Der Höhepunkt der Hausse, so meinen die Optimisten, ist am deutschen Aktienmarkt noch nicht erreicht, zumal die Gewinnerwartungen der Unternehmen für 1979 zunehmend besser werden. Ihr Börsenfahrplan: Da sich Zinsschwierigkeiten frühestens im kommenden Frühjahr zeigen werden, diese aber zunächst noch nicht als Baisse-Faktor gewertet werden, hat der deutsche Aktienmarkt noch mindestens sechs bis neun Monate Anstieg vor sich. Allerdings mit Unterbrechungen. – K. W.