Ein Gespenst geht um – nicht nur in Europa. Wie weiland der "Kohlenklau", so treibt jetzt der "Musikklau" sein Unwesen. Auf "Hunderte von Millionen Mark" jährlich – so will uns die "Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsrechteh" (GVL), die die Interessen von Künstlern und Tonträger-Herstellern vertritt, glauben machen – bezifferten sich inzwischen die Verluste, die entstehen, weil Udo und James Last, die Abbas und die Rolling Stones, aber auch Karajan und Bernstein, Fischer-Dieskau und Pollini "privat mitgeschnitten" werden: auf Leerkassetten.

In der Tat: 1977 wurden in der Bundesrepublik rund 175 Millionen Schallplatten und Musi-Cassetten mit einer Speicherkapazität von etwa 6,4 Milliarden Minuten verkauft, aber auch 88 Millionen Leerkassetten mit einer Speicherkapazität von 6,7 Milliarden Minuten.

Man kann sogar weiterrechnen: Werden die Leerbänder nur zweimal im Jahr bespielt, bedeutet dies, daß doppelt soviel an konservierter Musik aus dem Radio oder durch Überspielen an den Konsumenten kommt wie über den Handel. Und nur über den kommen Tantiemen.

Zwar hat die GVL beim Kauf eines Bandgerätes die Hand aufgehalten und über eine einmalige Vergütung die Abgeltung aller Leistungsrechte erhalten. Aber das 1966 verabschiedete Urheberrechtsgesetz kannte nicht die Entwicklung, die die Kassette nehmen konnte, wußte nicht, daß binnen so kurzer Zeit so viele Geräte in den Wohnungen stünden, auf denen so viel und so oft kopiert würde.

Nun ist das Kind im Brunnen. Die GVL jammert und ruft nach neuen Gesetzesinitiativen, will vor allem kassieren. Die Verbraucher protestieren, verweisen auf hohe Gagen und Tantiemeneinkünfte der Herrschaften Künstler, meinen, die Hersteller von Bändern und Geräten müßten, wenn schon, die Verluste ausgleichen.

Wenn aber heute ein Großteil der Musikkonserven-Käufer immer noch nicht zur bespielten MusiCassette überwechselt, so hat dies zumindest auch und vor allem einen qualitativen Grund.

Weil wir immer wieder gefragt werden, was denn nun besser sei, die traditionelle Platte oder die bespielte MusiCassette, haben wir über einen längeren Zeitraum Parallel-Vergleiche gemacht, haben zu den Rezensionsplatten auch die entsprechenden Bänder gehört, auf hochwertigen Anlagen wie auf jenen ganz normalen Apparaten, die adäquat zum sozialen Wohnungsbau den Durchschnittsbedürfnissen entsprechen.