Von Reinhard Baumgart

Selten kommt ein deutscher Autor im ersten Anlauf, mit seinem ersten Buch zu über hunderttausend Lesern, und wenn, dann wird solchen Steilstart noch seltener der Beifall der Kritik begleiten. Beides also hat Brigitte Schwaiger mit ihrem Roman "Wie kommt das Salz ins Meer" erreicht. Dazu gehört mehr als Glück, aber auch mehr als Talent. Das Glück dürfte darin bestanden haben, daß da eine unerhört fertige, eine fix-und-fertige Schreib- und Sehweise sich mit Witz und Engagement auf das gesellschaftlich aktuellste Thema, auf die Frauenemanzipation eingelassen hat. Mit Witz, was auf diesem verbissen oder sentimental umkämpften Feld so selten wie gewagt ist. Von dem Ergebnis waren folglich, außer jungen Frauen, sogar alte österreichische Literaturkavaliere begeistert, denen jede Art Emanzipation entweder nur wurst oder total zuwider ist. Also (frei nach Goethe): Machs einer nach und brech sich nicht den Hals dabei.

Die Autorin selber hat es in ihrem zweiten Buch –

Brigitte Schwaiger: "Mein spanisches Dorf"; Zsolnay Verlag, Wien, 1978; 199 S., 19,– DM

gar nicht darauf angelegt, ihr erstes etwa nachzumachen. Kein neuer Roman wird präsentiert, sondern eine Sammlung von gut vierzig Kurzgeschichten, Glossen, fiktiven Dokumenten, dazu noch zwei Gedichte, und was alle Stücke einigt, ist nur ihr Schauplatz Freistadt bei Linz, der Schauplatz von Brigitte Schwaigers Kindheit und Jugend, der dieser Band mit fast chronologischer Treue folgt.

Das fängt ziemlich mutlos und entmutigend an. Artig böse Prosastückchen bauen ein Freistadt als Spielzeugwelt auf, mit lauter Figuren, über die Schwaigers schlagfertige Sätze klippklapp triumphieren können. Bevor die Realität diesen Blitzlichtüberfällen irgendeinen Widerstand entgegensetzen kann, ist die Geschichte, die Kunstveranstaltung meist schon zu Ende. Warum macht die Autorin sich ihre Gegenstände so klein, so handlich hübsch und hübsch handlich?

Sie erzählt doch von Wirklichkeiten, denn das alles gab es ja und gibt es wohl immer noch im Muff und Mief eines südlich-katholisch eingefärbten Kleinstadtmilieus: das verordnete Opferl fürs liebe Jesulein und die Ohrfeige für ein respektloses Wort über den längst verstorbenen Führer, den zudringlichen Geruch des Schneiders Chloupek und den brav schwitzenden Briefträger, die verbotenen Doktorspiele und die verbotenen Kinobesuche – nur, wenn die Schwaiger solche Szenen in einem smart imitierten Kleinmädchenton, mit einer wahren Pipistimme vorträgt, dann klingt das alles viel ferner, als es ist. Als sollte Ludwig Thoma mit seinem "Tante Frieda" – und "Lausbubengeschichten"-Ton wiedererweckt werden, als wäre solche "Simplizissimus"-Satire einem Kleinbürgertum gewachsen, das sich nach zwei Weltkriegen noch wie unverändert erlebt.