Von Fritz J. Raddatz

Die moderne deutsche Literatur kennt keine Liebesgeschichte. Ein Liebesgedicht existiert nicht. Druckt einer – wie Wolf Wondratschek – eines auf Einkaufstüten, 500 000mal, dann liest sich diese mögliche Verpackung von Badedas, Heringfilets oder Camel-Filter nicht direkt als "Aufforderung zum Mitmachen":

"Es ist vorbei mit der Liebe, Heute muß ein Mann einer Frau etwas bieten können. Etwas in der Art eines Ozeans, ein paar zersprungene Sterne und manchmal, zum Weiterleben, einen Mörder."

Ein Herrenparfum wird von der Fernsehreklame, die ja Trends macht wie mitmacht – für den Mann propagiert, der auch beim Streicheln "cool" bleibt; was immer ihn tangieren kann – zärtliche Damenhände sind es nicht. Auf konvexe Weise nimmt einer der jüngeren deutschen Autoren, der am empfindlichsten Sprachverwucherungen als Verhaltensstörung faßt, derlei auf: "Eine Frau, heute, gewinnt beachtlich durch erhöhte innere Selbständigkeit. Ja, sogar durch Kühle", läßt Botho Strauß in seinem neuesten Stück "Groß und klein" den Liebhaber seiner Freundin empfehlen; ein Satz der Deodorantreklame.

Ziemlich genau dieses Gefühl der Distanz drückt Wondratschek aus:

"Ich will, daß du vorbeigehst und mich liebst, ohne dich umzudrehn, nach mir. Erinnere dich an nichts als die Liebe. Vergiß mich."

Ein Autor, dessen Gedichtband "Chucks Zimmer" in wenigen Monaten sechzehn Auflagen erlebte (der darauffolgende ebenso rasch sieben), interpretiert ganz offenbar Denken und Fühlen einer Generation, "hat ihren Sound drauf"; bei Wondratschek – bei dem der Satz "Leben ist sinnlos wie Selbstmord" leitmotivisch wiederholt wird – ist die Bilanz negativ: