Der neue Trainer Jupp Derwall hatte mit dem Sieg in Prag einen guten Einstand

Von Jürgen Werner

Ich bin für Overath" – Jupp Derwall, der Nachfolger Helmut Schöns als Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, widersprach mit diesem Satz in einer nächtlichen Runde seinem damaligen Chef und ergriff die Partei Herbergers und Fritz Walters, Beide hatten Helmut Schön abgeraten, für die Weltmeisterschaft 1974 auf Günter Netzer, heute Manager beim HSV, zu setzen, "Er ist kein Turnierspieler, Helmut, denken Sie daran" – Herberger ließ in jener Nacht nicht locker,

Jupp Derwall, der damals – ebenso wie ich – weitgehend nur Zuhörer war, hatte seine Meinung in diesem knappen Satz zusammengefaßt. Auch bei späteren Treffen schien mir eines immer wieder deutlich zu werden: Im Gegensatz zu wieder Schön wirkte Jupp Derwall im Kreis der Nationalmannschaft wie der Figaro: stets und überall präsent, ein frisches Wort zu jeder Zeit. Doch damit setzte Jupp Derwall nur die Tradition der Rollenverteilung beim Deutschen Fußball Bund (DFB) und der beim ball-Nationalmannschaft fort: Stets war der zweite Mann der Macher ohne Macht.

Das galt schon für Helmut Schön unter Herberger so. Der Kumpel, der Partner, der Fußballer – das waren die Synonyme für den mit der Mannschaft arbeitenden Assistenten. Denker und Lenker waren jeweils die Bundestrainer: Sepp Herberger und später auch Helmut Schön. Trotz der Beteuerungen des DFB-Präsidenten Hermann Neuberger, er habe mit dem Triumvirat Jupp Derwall, Erich Ribbeck und Dietrich Weise auch eine neue Konzeption im Auge – "Primus inter pares" etwa –, gilt dieses Prinzip auch heute wieder. Insofern ist der jetzt vielfach propagierte Satz vom Neubeginn und Stilwandel nur bedingt richtig,

Jupp Derwall weiß genau, daß die Verantwortung nicht teilbar ist, und hat sich deshalb darauf eingestellt. Problemlos glücklich – dieser Jubelschrei eines Sprechers nach dem in der letzten Woche in Prag gegen den noch amtierenden Europameister Tschechoslowakei gewonnenen Spiel (4 : 3) artikulierte nur die augenblickliche Differenz zwischen der Erwartungshaltung bundesdeutscher Fußballfans und der Realität. Nach der Fußballweltmeisterschaft in Argentinien haben sie ihren verlorenen Glauben wiedergefunden: Der deutsche Fußball lebt ja.

Darin liegt sicherlich die eigentliche Chance des neuen Bundestrainers, Prestige und Profil zugleich zu gewinnen. Das eine benötigt er, um frei von dringenden Erfolgszwängen arbeiten zu können, das andere, um im Kreis der Nationalspieler die neue Führungsrolle deutlich zu machen. Wer wie ich sowohl Helmut Schön als auch Jupp Derwall noch in der Assistentenrolle erlebt hat, weiß um die Problematik, vor allem gegenüber den routinierten, etablierten Spielern den neuen Anspruch deutlich zu machen: Kooperation und Kompetenz statt Kumpanei.